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Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: Blaubeerchen 20.06.21 - 17:48
Es ist ja eine alte Binsenweisheit, dass Abschlüsse seit Jahren immer weniger wert sind. Also im Sinne von: Die Leistungsfähigkeit bzw Wissensstand eines Bewerbers möglichst akkurat darzustellen.
Bekanntlich sind die Ansprüche für Abschlusszeugnisse (besonders im Westen und unserer Hauptstadt) stetig gefallen, "damit sich keiner ausgeschlossen fühlt". Auch das Gejammer von einigen Abiturienten vor einigen Jahren über angeblich zu schwere Mathe-Aufgaben in der Abschlussprüfung war ein deutlicher Hinweis. Selbst als Realschüler hätte ich die meisten davon lösen können. Es ist echt gruselig, wie massiv die Bildungsqualität in weiten Bereichen konsequent abgebaut wurde (und immer noch wird). Und die Antwort der Hipster-Politiker hierauf war: Niveau runter.
Ob also nun analog oder digital, wird auch in Zukunft den Arbeitgeber wohl nicht von der Aufgabe freisprechen, zumindest in bestimmten Branchen weiterhin auf eigene Eignungs-Prüfungen zu setzen. Wenn auf einem Zeugnis "Mathe 2" steht, wissen viele Arbeitgeber damit nicht viel anzufangen, da jedes Bundesland, sogar jede Schule oftmals völlig unterschiedliche Ansprüche und Lehrpläne hat. Und da unser Schulsystem auf "Auswendiglernen -> Vergessen -> Auswendiglernen" basiert, kann es durchaus sein, dass jemand mit ner 1 oder 2 in Mathe ein "frisches" Thema wie quadratische Gleichungen runterbeten kann, aber im Kopfrechnen und Dreisatz jedem Kassierer unterlegen ist.
Tut mir leid liebe Politik, aber die Misere die sich deutsches Bildungssystem nennt, wird sich nicht dadurch bessern, indem man iPads in die Klassen streut, überall "Clouds" aufbaut und Zeugnisse digitalisiert. Fehlt eigentlich nur noch eine von SAP oder Telekom programmierte "Äpp"...
Bitte das Bildungssystem an sich erst mal ins 21. Jahrhundert holen, die Föderalisierung überdenken, die asbestverseuchten Schulgebäude sanieren, die Toiletten mindestens auf den hygienischen Standard antik römischer Latrinen heben - dann können wir auch über (sinnvolle) Digitalisierung reden. Es ist immer wieder erstaunlich, wo bei der Politik die Prioritäten liegen: Eine glänzende Fassade ist wichtiger, als ein solides Fundament.
Das deutsche Schulsystem hat weit gravierende Probleme als mangelnde Digitalisierung.
Und das schon seit Jahrzehnten. Daran ändern auch signierte Zeugnisse und Blockchain nix. -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: Triple9 20.06.21 - 18:15
Wenn man sich nach unten orientiert statt nach oben, wenn man sich zu Tode toleriert, dann muss man sich nicht wundern…
Leistungsgesellschaft ist ja heute schon ein Schimpfwort.
Jeder will alles haben und nichts dafür tun müssen.
Klappt auch wunderbar, man muss nur laut genug jammern.
Daher: +1 -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: MikeMan 20.06.21 - 19:15
+1
Stimme beiden Vorgängern absolut zu.
Allerdings möchte ich noch anfügen, dass auch die Grundaussage, dass dadurch Zeugnisse "einfacher und sicherer" werden, wieder einmal eine reine Floskel ist. Was bitte soll denn sicherer sein, als ein Blatt Papier, dass ausschließlich de Schüler ausgehändigt bekommt, den es betrifft? Wenn das gehackt wird, dann nur weil es in der Küche irrtümlich auf das Schneidebrett geraten ist...
Und "einfacher", wie bitte? Es müssen ganze Systeme erstellt, eingerichtet und gewartet werden, damit digitale Zeugnisse ausgestellt werden können. Und wofür bitte? Damit sie sich jeder selbst zuhause ausdruckt?
"Digitalisierung", um mal dieses allgemeine Wort zu verwenden, kann soviel Nützliches bewirken. Hier ist es nur wieder ein Lobby-Vorschlag, um in einem Bereich, in dem es keinen Vorteil bringt, trotzdem staatliche Gelder für Digitalisierung abzusahnen. -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: ul mi 20.06.21 - 19:26
MikeMan schrieb:
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> +1
>
> Stimme beiden Vorgängern absolut zu.
>
> Allerdings möchte ich noch anfügen, dass auch die Grundaussage, dass
> dadurch Zeugnisse "einfacher und sicherer" werden, wieder einmal eine reine
> Floskel ist. Was bitte soll denn sicherer sein, als ein Blatt Papier, dass
> ausschließlich de Schüler ausgehändigt bekommt, den es betrifft? Wenn das
> gehackt wird, dann nur weil es in der Küche irrtümlich auf das
> Schneidebrett geraten ist...
Eh… theoretisch ist eine Retusche des eingescannten Dokuments einfacher, als das irgendwie an einem Papieroriginal machen zu müssen. (Schon mein Abizeugnis 1999 hatte mindestens mal Querlinien unter den Noten, damit es nicht vollkommen trivial manipuliert werden kann.)
Fragt sich nur ein wenig cui bono, denn ja, vor zwanzig Jahren war dann einmal pro Semester für zwei Tage langes Schlangestehen für die Erstis, die beim Abholen der Dokumente die Originalzeugnisse und den Ausweis vorzeigen mussten, aber die Studierendenzahlen wachsen ja nicht exponentiell…
(Im übrigen: zumindest an meiner Alma Mater galt, dass das Bestehen einer Prüfung alle Fehler der vorherigen Prüfung heilt. Ob das auch denn Fall abdeckt, dass ein bestandener Bachelor die fehlende Hochschulreife heilt, weiß ich nicht.)
> Und "einfacher", wie bitte? Es müssen ganze Systeme erstellt, eingerichtet
> und gewartet werden, damit digitale Zeugnisse ausgestellt werden können.
> Und wofür bitte? Damit sie sich jeder selbst zuhause ausdruckt?
>
> "Digitalisierung", um mal dieses allgemeine Wort zu verwenden, kann soviel
> Nützliches bewirken. Hier ist es nur wieder ein Lobby-Vorschlag, um in
> einem Bereich, in dem es keinen Vorteil bringt, trotzdem staatliche Gelder
> für Digitalisierung abzusahnen.
Jo. Zumal man sofort die Hand heben kann, ob das nicht aus Gründen der Bildungsfreizügigkeit ein EU-weit genormtes Verfahren sein müsste.
Und wenn ich an die Sachbearbeiter im Studierendenservice denke, die ich so kenne… neee, lasst die Studis bitte Zettel vorzeigen, ist einfacher und schneller. :-/ -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: Cerdo 20.06.21 - 19:55
Naja, früher waren Noten genau das gleiche wie heute: Momentaufnahmen des aktuellen Wissensstand. Aber mal ehrlich: auf was bereitet einen die Schule denn vor? Man lernt nur absolute Grundlagen und eben auch das Lernen selbst.
Im MINT-Studium ist der Unterschied vom Wissensstand her zwischen den verschiedenen Schulen und Bundesländern nur minimal. Die einen kommen in der ersten Woche an ihre Grenzen, die anderen in der Mitte des ersten Semesters. Spätestens im ersten Prüfungsblock sind alle auf dem etwa gleichen Stand oder rasseln durch die Prüfungen.
Wir hatten Prüfungen mit 85 % Durchfallquote. Da hat keiner einen Notenschnitt runter gesetzt, damit die Normalverteilung wieder da ist. Da hieß es: entweder du kannst es, oder du musst gehen.
Da ist es auch egal, ob du vorher im Abi ne 1,0 oder 4,0 hattest. Erstere haben nur wahrscheinlich das Lernen besser drauf, die anderen müssen es in diesem Moment lernen.
Dass sich die Abschlussklassen beschweren, dass alles viel schwerer war als die Jahre zuvor gehört ja schon dazu. Das machen sie alle, liegt aber auch am Lernen mit der Musterlösung ohne Zeitdruck. -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: Eheran 20.06.21 - 21:38
>Wir hatten Prüfungen mit 85 % Durchfallquote. Da hat keiner einen Notenschnitt runter gesetzt, damit die Normalverteilung wieder da ist. Da hieß es: entweder du kannst es, oder du musst gehen.
Das ist doch genauso eine Scheiße. Da fallen extrem gute z.B. Biologen, Chemiker und Ingenieure raus nur weil irgendein Prof meint, sein Fach (etwa Physik oder Mathe) wäre das wichtigste für diese Gruppen. Absoluter Schrott ist das. Wozu brauchen Biologen Partialbruchzerlegung und sonstwas für Unsinn, womit sie nie wieder zu tun haben? Aber Biologen, die genau dafür geschaffen sind, fallen deswegen raus. Da kann man doch nur noch den Kopf auf den Tisch hauen. -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: chefin 21.06.21 - 08:26
MikeMan schrieb:
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> +1
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> Stimme beiden Vorgängern absolut zu.
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> Allerdings möchte ich noch anfügen, dass auch die Grundaussage, dass
> dadurch Zeugnisse "einfacher und sicherer" werden, wieder einmal eine reine
> Floskel ist. Was bitte soll denn sicherer sein, als ein Blatt Papier, dass
> ausschließlich de Schüler ausgehändigt bekommt, den es betrifft? Wenn das
> gehackt wird, dann nur weil es in der Küche irrtümlich auf das
> Schneidebrett geraten ist...
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> Und "einfacher", wie bitte? Es müssen ganze Systeme erstellt, eingerichtet
> und gewartet werden, damit digitale Zeugnisse ausgestellt werden können.
> Und wofür bitte? Damit sie sich jeder selbst zuhause ausdruckt?
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> "Digitalisierung", um mal dieses allgemeine Wort zu verwenden, kann soviel
> Nützliches bewirken. Hier ist es nur wieder ein Lobby-Vorschlag, um in
> einem Bereich, in dem es keinen Vorteil bringt, trotzdem staatliche Gelder
> für Digitalisierung abzusahnen.
Es wäre hilfreich wenn du den Text vorher liest und dann schreibst. Es gibt keine Datenbank die man hacken könnte. Es gibt eine "Blockchain" mit Hashwerten zu den Zeugnissen. Du und nur DU hast eine Datei mit deinem Zeugniss. Nur jetzt signiert und damit Fälschungssicher. Da gibt es nur eine Sache die man hacken könnte: den Signaturkey erbeuten um gefälschte Zeugnisse zu erstellen. Aber dieser Key muss nie online erreichbar sein. Da reicht es einen völlig abgetrennten Rechner zu benutzen, der nur via USB-Stick Verbindung zur Aussenwelt hält.
Allerdings gibst du ja ständig Kopien deiner Zeugnisse raus. Es gibt im laufe der Jahre dann Dutzende oder gar Hunderte Server auf denen deine digitalisierten Unterlagen liegen und aufbewahrt werden. Zum einen wenn du dort gearbeitet hast, dann noch 10 Jahre nach Austritt minimum. Zum anderen wenn du dich dort mal beworben hast, meistens wird das nach 3-4 Jahren mal ausgeforstet. Und überall hast du es persönlich hinterlegt. Kein Dritter.
Also ist deine komplette Argumentation eigentlich sinnlos. Gehackt wird digital und Papier in selbem Mass. Auch wenn du das Orginal mitbringen würdest und es denen nur zeigen, die kopieren es trotzdem, weil das nötig ist Keiner wird nur die Noten abschreiben ohne eine Kopie des Papiers zu machen. Und das wird heute überall digitalisiert. -
Re: Cool! Jetzt müssten Zeugnisse nur noch (wieder) aussagekräftig sein.
Autor: RicoBrassers 21.06.21 - 09:43
Blaubeerchen schrieb:
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> Bitte das Bildungssystem an sich erst mal ins 21. Jahrhundert holen, die
> Föderalisierung überdenken, die asbestverseuchten Schulgebäude sanieren,
> die Toiletten mindestens auf den hygienischen Standard antik römischer
> Latrinen heben - dann können wir auch über (sinnvolle) Digitalisierung
> reden. Es ist immer wieder erstaunlich, wo bei der Politik die Prioritäten
> liegen: Eine glänzende Fassade ist wichtiger, als ein solides Fundament.
>
> Das deutsche Schulsystem hat weit gravierende Probleme als mangelnde
> Digitalisierung.
> Und das schon seit Jahrzehnten. Daran ändern auch signierte Zeugnisse und
> Blockchain nix.
Eher das Gegenteil ist doch der Fall:
Die Digitalisierung ist die Chance, genau diese Probleme zu beheben.
Umwandlung der Präsenzpflicht in ein Präsenzangebot in Kleingruppen, der Unterricht selbst findet digital und individualisiert statt. Themenbezogenes Lernen im eigenen Tempo, statt Lernen nach Stundenplan.
Bildung im 21. Jahrhundert sollte nicht sein, die (baulichen) Probleme aus dem letzten Jahrhundert auszubessern, sondern die grundlegenden Konzepte, die seit Jahrzehnten als "gottgegeben" gelebt werden, auf den Prüfstand zu schicken und ggf. durch bessere Optionen auszutauschen.
Warum muss man erst die Toiletten auf einen gewissen hygienischen Standard heben (wobei Schüler oft nicht unbedingt unschuldig daran sind, dass der Standard so niedrig ist - "mein" Hausmeister war bei einigen Dingen nämlich recht, sagen wir mal, transparent), wenn man auch Zuhause, in der Bibliothek oder wo auch immer sein kann, statt zwingend in einem baulich-marodem Schulgebäude?



