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Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: aLpenbog 08.10.21 - 11:32
Bin zwar nicht in der Spielebranche aber wir arbeiten auch auf Projektbasis und da kommt es hin und wieder zu Crunch-Phasen jenseits von gut und böse oder irgendwelchen Gesetzen.
Problem ist ja meist, dass Deadlines stehen, unvorhersehbares passiert, wo dann auch ein anständiger Puffer nicht hilft. Sache ist dann ja meist, dass es sich um Tätigkeiten handelt, wo eine bestimmte Anzahl an Leuten tief drin ist, wo man nicht ohne exzessive Einarbeitung oder Verwaltung oben drüber einfach mehr Leute zupacken kann.
Natürlich kann man aber auch schwer Tätigkeiten nehmen und einfach immer die doppelte Anzahl an Leuten drauf werfen. Endet dann eben in viele Köche verderben den Brei, teilweise müssen Leute aufeinander warten, es erfordert mehr Abstimmungen und Verwaltung.
Ggf. geht das bei einem Produkt wie einem Spiel aber auch da kostet es eben Zeit und Spielemessen, das Weihnachtsgeschäft usw. geben wohl bestimmte Deadlines vor, als auch die Positionierung im Vergleich zu Konkurrenztiteln.
Im Projektgeschäft wird der Kunde aber für diese Aktion nicht exzessiv mehr zahlen wollen bzw. man wäre schlicht nicht konkurrenzfähig oder zahlt drauf während der Entwicklung und finanziert das ggf. langfristig über Feature-Updates, Betreuung und co. Gerade wenn es beim Kunden Vorort ist, sind die Reise- und Übernachtungskosten natürlich auch ein Thema.
Von Crunch auf 4 Tage ohne groß Überstunden finde ich schon einen ziemlich großen Schritt. Bin gespannt in wie fern das so gehalten wird, gerade um die Deadlines und wie das umgesetzt wird. Klingt zwar toll, kann mir aber schlecht vorstellen, dass das gelebt werden wird. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: OnlyXeno 08.10.21 - 11:55
Warum sollte es nicht funktionieren? Ausgeruhte Mitarbeiter bedeuten weniger Fehler... Kürzere Meetings bedeuten mehr Zeit für das eigentliche Projekt und so weiter. Die 5 Tage Woche mit 8 Stunden am Tag ist eigentlich schon lange überflüssig. Man könnte auch die Arbeitszeit ohne weiteres auf 6h am Tag Reduzieren... dann fallen halt die Kaffeepausen kürzer aus oder eben wie hier eine 4 Tage Woche draus machen.
Den 6 Stunden Tag würde ich sinnvoller finden aber das muss die Firma vielleicht auch erstmal testen, was besser funktioniert. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: Muhaha 08.10.21 - 11:56
aLpenbog schrieb:
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> Bin zwar nicht in der Spielebranche aber wir arbeiten auch auf Projektbasis
> und da kommt es hin und wieder zu Crunch-Phasen jenseits von gut und böse
> oder irgendwelchen Gesetzen.
Bei diesen großen Studios kommt es nicht "hin und wieder" zu Crunch-Phasen. Wäre dem so, wäre das nicht unbedingt toll, aber akzeptabel.
Das spezielle Problem in der Spieleindustrie besteht darin, dass sich diese Crunch-Phasen über MONATE hinweg ziehen. Oft genug kommt es vor, dass Leute von der Crunch-Phase eines Projektes gleich in die nächste Crunch-Phase des anderen Projektes gesteckt werden. Crunch ist dort der Alltag, normale Arbeitszeiten die Ausnahme. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: deefens 08.10.21 - 12:28
Ich frage mich immer warum es ausgerechnet in der Gamesbranche regelmäßig zu Crunch kommt? Sind da nur Amateure im Projektmanagement?
Bauprojekte sind z.B. viel komplexer (Abhängigkeiten zu Lieferanten, Materialmängel, Bauvorschriften, Gutachter, Corona, etc pp), werden aber in der Regel zumindest in-time fertiggestellt (Ausnahme: die öffentliche Hand hat ihre Finger mit drin). -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: sigii 08.10.21 - 12:45
Witzig wie du das einfach unreflektiert in den Raum stellst "Deadlines stehen".
Ich hab aufgehört zu schätzen und extern definierte Deadlines werden ignoriert. Da darf das mngmt schon betteln kommen wenn die wieder meinen etwas vorzugeben was man nicht vorgeben kann. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: aLpenbog 08.10.21 - 12:51
sigii schrieb:
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> Witzig wie du das einfach unreflektiert in den Raum stellst "Deadlines
> stehen".
Kommt halt drauf an worum es geht. Wenn man von kleinen Features redet, dann ist sowas natürlich sehr flexibel und eine Deadline ist Schall und Rauch.
Wenn man aber von größeren Projekten redet, ein Kunde einen alten Standort aufgibt und an Tag X im Neuen arbeiten können muss und sonst seine Kunden nicht bedienen kann und seine Mitarbeiter nachhause schicken kann, ja dann steht die Deadline und für alle gilt, macht es möglich, egal wie.
Denke mal in der Spielebranche ist durch Messen und Konkurrenzprodukten ebenso gut Druck da, weil man im Zweifel eben viel Geld verliert oder gar das Produkt in der Versenkung verschwindet. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: countzero 08.10.21 - 12:51
deefens schrieb:
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> Ich frage mich immer warum es ausgerechnet in der Gamesbranche regelmäßig
> zu Crunch kommt? Sind da nur Amateure im Projektmanagement?
>
Wilde Spekulation: Es könnte sein, dass es ein sich selbst verstärkendes/verursachenses Problem ist. Mitarbeiter im Crunch sind überlastet und damit unproduktiv, Ziele werden nicht erreicht, noch mehr Crunch. Dadurch haben die erfahrenen Mitarbeiter irgendwann keinen Bock mehr und werden durch neue, unerfahrene ersetzt, wodurch die Produktivität auf das Ganze betrachtet wieder sinkt oder zumindest nicht ansteigt und dadurch schon den nächsten Crunch produziert. Veränderungen setzen sich nur langsam durch, weil der Nachschub an neuen, unerfahrenen Mitarbeitern quasi unerschöpflich ist und es deshalb kaum Anreize gibt, die Arbeit attraktiver zu gestalten. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: J4it 08.10.21 - 13:15
deefens schrieb:
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> (Ausnahme: die öffentliche Hand hat ihre Finger mit drin).
Hat Sie immer, Stichwort 'Bauamt'
Ich sehe das wie countzero, ich selbst arbeite in einer 4 Tage Woche bei vollem Gehalt und gebe zu, am Anfang war es etwas stressig, aber es ist nur eine Frage der eigenen Prozessgestaltung. Mehr arbeiten tue ich dadurch nicht, ich mache seltsamerweise nicht mal mehr Überstunden... ich schaffe in der gebündelten Zeit mehr und bin würde ich sagen, generell effektiver. Ich habe erfülltere Wochenenden und bringe ein durchschnittliches Projekt in derselben Zeit zum Ende wie vorher, nur bin ich zusätzlich viel Fokussierter und genieße die 3 Tage Entspannung wie nur irgendwas. Ich kann nur sagen, wenn der Freitag auf einmal wirklich ein Freitag ist, fühlt sich das ganze endlich richtig an. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: Muhaha 08.10.21 - 13:17
deefens schrieb:
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> Ich frage mich immer warum es ausgerechnet in der Gamesbranche regelmäßig
> zu Crunch kommt? Sind da nur Amateure im Projektmanagement?
Stark verkürzte Antwort: Ja!
Versuch einer längeren Antwort: Die Spielebranche leidet unter einem fatalen Mangel an entsprechend ausgebildeten Projektmanagern UND der mangelnden Bereitschaft vieler Unternehmensführungen daran etwas zu ändern UND dem viel zu großen Einfluss des Marketings auf ein laufendes Projekt. Drei Hauptgründe, die vor allem im AAA-Bereich in verschiedenen Anteilen anzutreffen sind.
Wer ein guter Projektmanager ist, fängt gar nicht erst an oder hört schnell wieder auf, weil die Gehälter in Relation zum Stress nicht stimmen. Das Marketing mischt sich während des Projektes zu oft ein, es wechseln ständig Vorgaben und Ziele, vieles an bereits getaner Arbeit verschwindet in Ablage P. Die Geschäftssleitung hat kein besonders großes Interesse an Qualität, weil es nur darauf ankommt in möglichst kurzer Zeit mit möglichst viel Marketing mögllichst viel Umsatz zu erzeugen und dann zum nächsten Projekt weiterzuziehen. Deswegen kümmernt auch die hohe Fluktuationsquote nicht. Denn für jeden inzwischen erfahrenen Mitarbriter der geht, stehen die nächsten zehn jungen Leute vor der Tür, die ums Verrecken in der Spielebranche arbeiten wollen UND dann auch noch deutlich weniger kosten.
Das alles zusammen bildet eine üble Mischung, die zu Dauercrunch führt, weil man Mängel im Projektmanagement und Mängel in der Unternehmensführung/struktur einfach mit einem riesengroßen Haufen Arbeit niederbügelt.
Die Spielebranche ist der mit Abstand unprofessionellste und inkompetenteste Bereich der gesamten IT-Branche. Was aber oft ohne Folgen bliebt, weil die Mitarbeiter sich viel zu wenig wehren und die Kunden sich viel zu leicht verarschen lassen. Ja, dann war halt mal ein Spiel nicht gut, aber schau, hey, dort, das nächste Blinkiblinki-Spiel!!!
Es hat schon seinen Grund, dass die Marketingausgaben für große teure AAA-Spiele oftmals das doppelte und mehr der reinen Entwicklungskosten betragen. Man muss und kann auch die Masse immer wieder neu am Nasenring durch die Manege ziehen.
> Bauprojekte sind z.B. viel komplexer (Abhängigkeiten zu Lieferanten,
> Materialmängel, Bauvorschriften, Gutachter, Corona, etc pp), werden aber in
> der Regel zumindest in-time fertiggestellt (Ausnahme: die öffentliche Hand
> hat ihre Finger mit drin).
In diesen Projekten arbeiten fast nur Fachleute und keine angelernten Studienabbrecher, die sich nur irgendwie durchwurschteln. -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: Randalmaker 08.10.21 - 15:24
deefens schrieb:
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> Ich frage mich immer warum es ausgerechnet in der Gamesbranche regelmäßig
> zu Crunch kommt? Sind da nur Amateure im Projektmanagement?
>
> Bauprojekte sind z.B. viel komplexer (Abhängigkeiten zu Lieferanten,
> Materialmängel, Bauvorschriften, Gutachter, Corona, etc pp), werden aber in
> der Regel zumindest in-time fertiggestellt (Ausnahme: die öffentliche Hand
> hat ihre Finger mit drin).
Es gibt mMn 3 Faktoren, die primär zum Crunch führen:
1. Spiele-Entwicklung (AAA-Titel) ist irrsinnig teuer, d.h. man kann/will den Leuten nicht soviel Zeit und Geld geben, wie sie bräuchten, um die Projekte in einem angemessenen Zeitrahmen fertigzustellen.
2. Viele große Publisher sind Aktien-Unternehmen, da müssen die Spiele UNBEDINGT im richtigen Quartal erscheinen, sonst gehen die Analysten bzw. Aktionäre auf die Barrikaden.
Und 3. Spiele sind unglaublich komplex.
D.h. es entstehen permanent irgendwelche Bugs und Probleme, die aufwändig gefunden und behoben werden müssen. Und gerade diese letzten Korrekturen kosten wahrscheinlich extrem viel Zeit und damit Geld.
Ich gehe mal fest davon aus, dass vom Komplexitätsgrad Spiele deutlich über den meisten Office-Programmen anzusiedeln sind, da die Technik einfach viel fordernder ist.
Das wäre so meine Theorie zu dem Thema. ^^ -
Re: Wüsste gerne wie das in der Praxis funktioniert
Autor: deefens 08.10.21 - 19:43
Sehr interessante Meinung, danke für die Rückmeldung.



