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"Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

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  1. "Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

    Autor: Wiggy 09.03.16 - 11:33

    Moin,

    im Artikel werden "überragende Netzwerkfähigkeiten" angesprochen und dass gerade die grundlegende Verbesserung der Netzwerkfunktionen im Vergleich zu UNIX eine der Intentionen hinter der Entwicklung war. Im Text wird darauf dann aber nicht näher eingegangen...

    Weiß da jemand was Genaueres? Oder ist damit nur gemeint, dass alle Netzwerkressourcen wie Dateien ins lokale Filesystem eingehängt werden? Das an und für sich wäre ja noch nichts überragend Neues...

    MfG,
    Wiggy

  2. Re: "Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

    Autor: Neutrinoseuche 09.03.16 - 11:51

    Ich habe es so verstanden, dass sämtliche Ressourcen und Treiber im Filesystem vorhanden sind und somit auch im Netzwerk. Das würde bedeuten, sobald man einen zweiten oder weiteren Computer anschließt, dessen Ressourcen quasi genauso im Netzwerk auftauchen und das ganze sich zu einem System verbindet.

    Wenn man den Gedanken weiterspinnt, könnte man damit leicht ein Parallelcomputing System aufbauen oder mehrere unterschiedliche Computer (AMD/Intel/ARM/sonstwas) zu einem System verbinden und gleichzeitig alles nutzen als wäre es ein System.

    Interessant wäre es auch ob es möglich ist, auf dem Weg andere BS einzubinden und auf Plan9 dann einfach auch Win und Mac Programme und die anderer BS nutzen kann, weil die Ausführung einfach in das passende BS ausgelagert wird und nur die Anzeige und Bedienung auf Plan9 verbleibt. Das wäre doch mal was. :)

    Aber leider ist die Software und deren Bedienung noch aus den Anfängen der GUI Betriebssysteme und hat damit heuzutage keine Chance.

  3. Re: "Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

    Autor: cbh 09.03.16 - 12:24

    > Weiß da jemand was Genaueres? Oder ist damit nur gemeint, dass alle Netzwerkressourcen wie Dateien ins lokale Filesystem eingehängt werden? Das an und für sich wäre ja noch nichts überragend Neues...

    Der gesamte Netzwerkstack ist als Dateisystem vorhanden unter "/net". Z.B. kann man in eine eine TCP-Verbindung schreiben, indem man in die Datei "/net/tcp/42/data" schreibt (die Verbindungen sind durchnumeriert). Lesen geht analog. Was man sonst noch so damit anstelle kann habe ich bereits im Thread "Nur, dass es halt an allen Enden knirscht" erklärt.

    Zudem ist die Administrator von Netzwerken in Plan 9 um Welten einfacher (weil das von vornherein *designt* wurde). Es gibt nur eine einzige Datei in der die Netzwerkkonfiguration steht, nämlich "/lib/ndb/local" (http://man.9front.org/6/ndb). Dort stehen die Konfigurationen einfach als Paare "key=value". Z.B. kann man einem herkömmlichen PC mit einem LAN-Port folgendermaßen (statisch) konfigurieren (gibt natürlich auch DHCP): "sys=myhost ether=cafebabedead ip=192.168.0.100 ipgw=192.168.0.1 dns=192.168.0.1". Das vergibt statisch eine IP, einen Hostname und setzt DNS-Server und den Gateway (man bemerke, dass man hier sogar ein direktes Mapping zwischen MAC-Adresse und Hostname hat!). Da die Konfiguration wieder in einer Datei steht, kann man sie auch ganz leicht im Netzwerk teilen. Die aktuelle Konfiguration kann man z.B. auch mit `cat /net/ndb` auslesen (wenn man z.B. noch nachträglich etwas auf der Kommandozeile konfiguriert hat).

    In UNIX ist dagegen alles ultrakompliziert. Über wie viele dutzend Dateien ist da die Konfiguration verteilt (/etc/hosts, /etc/network/interfaces, ...)? Zumal das auch noch alles distrospezifisch ist.

    > Interessant wäre es auch ob es möglich ist, auf dem Weg andere BS einzubinden und auf Plan9 dann einfach auch Win und Mac Programme und die anderer BS nutzen kann, weil die Ausführung einfach in das passende BS ausgelagert wird und nur die Anzeige und Bedienung auf Plan9 verbleibt. Das wäre doch mal was. :)

    Da schau dir mal Inferno an, ein Spin-Off von Plan 9 (auch von der selben Gruppe um Rob Pike). Grob gesagt ist Infero = Plan 9 + Language-VM (a la Java und co, nur dass das eigens entwickelte Limbo verwendet wird, wovon Go gefühlt 90% geklaut hat (ist ja auch beides von Rob Pike)). Das hat den Vorteil, dass die selben Binaries auf allen Architekturen laufen (unter Plan 9 hat ein Programm für jeden Architektur eine eigene Binary, was wegen der exzellenten Toolchain und auch dank Namespaces kein Problem darstellt). Außerdem kann man die VM auch auf anderen Betriebssystem als Anwendung laufen lassen (z.B. Win 95/Nt, Linux, BSD, Plan 9, ...; das ist deutlich dünner als Virtualisierung). Damit könnte man wohl anstellen, was du im Kopf hast.

    Eine Bemerkung noch dazu: Inferno läuft auch auf System ohne MMU. Das liegt daran das kein Virtual Memory benutzt wird (also kein Paging/Swapping, nur das RAM, das vorhanden ist). Dass zwei Prozesse sich nicht schädigen können wird durch den Compiler/die Sprache und die Byte-Code-VM garantiert. Sämtliche Programme in Inferno sind in Limbo geschrieben (bis auf der Kernel, welcher natürlich in C geschrieben ist). Limbo hat einen eingebauten Garbage-Collector, was zur Folge hat, dass der Speicherverbrauch deutlich feingranularer und effizienter ist als Paging (man kann Inferno + eine nichttriviale Anwendung mit gerade mal 1MB laufen lassen!). Das System war auch eher für Set-Top-Boxen, PDAs und andere eingebette Systeme gedacht (kann man aber trotzdem auf Servern und Desktop laufen lassen).

    > Aber leider ist die Software und deren Bedienung noch aus den Anfängen der GUI Betriebssysteme und hat damit heuzutage keine Chance.

    GUIs gab' es schon in den 60ern und 70ern (NLS, Xerox Alto, Mac, ...). Deshalb würde das nicht wirklich als "Anfängen der GUI Betriebssysteme" beschreiben. Plan 9 ist dagegen von Ende der 80er. Die GUI sieht so aus, weil die eher für Programmierer gedacht ist und dem Nutzer aus dem Weg gehen soll und auch nach UNIX-Prinzipien designt ist (deswegen auch so minimalistisch).

  4. Re: "Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

    Autor: PlanNine 09.03.16 - 19:16

    Was ganz einfaches. Man kann z.B. das /dev verzeichniss eines anderen Rechners mounten und z.B. man kann dann die Soundkarte das anderen Rehners ohne weiters benutzen. Wenn man noch die Kamara mountet und der andere macht das gleiche hat man einfach so von der cmd line eine einfaches bildtelefon gebaut. Vorausgesetzt man hat die berechtigung.

    Es ist sehr gut das es keine User gibt. Es ist wirklich ein sehr schönes experimentier system. Genau wie inferno, obwohl wenn ich mich recht erinnere läuft Inferno auf diversen routern. Es vereinfacht die administration. Auch soll Inferno mal für Bildtelefone genutzt worden sein.
    Ich habe aber leider lange nichts mehr damit gemacht.



    1 mal bearbeitet, zuletzt am 09.03.16 19:28 durch PlanNine.

  5. Re: "Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

    Autor: cbh 09.03.16 - 20:10

    > Es ist sehr gut das es keine User gibt.

    Jupp, genau das hat UNIX den Kragen gekostet. Sieht man sehr schön an X11, Sockets, Signals, Softlinks, cat -v, Systemd, etc., etc. (das Initsystem in 9front ist bloß ein Shellskript; Lennart Poettering wird da sicher Schaum vor'm Mund bekommen).

    Das Problem sind immer wieder Leute, die das Prinzip hinter dem System nicht verstanden haben (und wohl auch nicht verstehen wollen). Es wird immer ein neuer, monolithischer Clusterfuck (X11) in's System reingepresst, auch wenn es sich nicht richtig integriert (die meisten stammen auch noch aus anderen Systemen, z.B. X11, die UNIX gar nicht ähnlich sind).

    Und dann wollen mir Leute auch noch erzählen, dass Sockets doch auch wie Dateien sind (Blasphemie!). "Es gibt doch auch sowas wie open() (socket(2)), und read() (recv(2)), und write() (send(2))". In Plan 9 wird dagegen immer mit open(2), read(2), write(2), etc. gearbeitet, egal auf welcher Datei. In UNIX wird stattdessen immer ein neues, völlig eigenständiges Subsystem eingefügt (socket(), send() und recv() sind vielleicht ähnliche Syscalls wie open(), write und read(), sind aber eigentlich völlig andere). Ein fundamentaler Aspekt wird dabei immer vergessen, und zwar, dass die Dinge auch einen Namen im Dateisystem haben. Oder wie will man sonst Cat, Ls, Awk und Sed draufwerfen? Z.B. sind Signals und Pipes keine Dateien in UNIX; in Plan 9 aber schon (ja, richtig gelesen, selbst Pipes sind Dateien).

    Zumal das alte I/O-Modell von UNIX heute noch beibehalten wird, nämlich alles durch eine Schreibmaschine zu filtern (oder kann mir jemand erklären warum ein Textfenster (XTerm) eine Baudrate braucht (`stty`)?). Und "/dev/tty" ist wohl selbst bis heute noch ein riesiger, dreckiger Hack.

    Und noch nebenbei bemerkt: Plan 9's Window-System integriert Window-System + Window-Manager + "Terminal"/"Texteditor" in nur 6000 Zeilen C (also so ziemlich alles was Xorg macht/machen sollte und nicht mehr)! Und in Plan 9 ist selbst Shell-History auch nur ein Shellskript (ja, der Name des Shellskripts besteht aus nur einem Anführungszeichen: http://code.9front.org/hg/plan9front/file/8db31cd2fd91/rc/bin/%22).

    Der Hauptgrund warum Plan 9 sich (trotz Überlegenheit) nicht durchgesetzt hat ist wohl, wie Theo de Raadt es nennt: "Backwards compatibility is king". UNIX war damals schon weit verbreitet und die Leute wussten eben wie man mit dessen Schwächen umgeht. Ein Umstieg auf ein neues System kostet eben Zeit und Geld, und da ist es so ziemlich egal, wie groß die Vorteile des neuen System sind (und Menschen sind da einfach auch zu bequem).

    Der andere große Grund ist eben auch die Lizenz. AT&T war wohl nach "Lion's commentary on UNIX 6th edition" ein bisschen knatschig, wodurch die ab UNIX v7, und dann eban auch Plan 9, nicht mehr ganz so liberal waren.

  6. Re: "Überragende Netzwerkfähigkeiten"?

    Autor: PlanNine 10.03.16 - 09:33

    Ich habe Plan9 vor ca. 22 Jahren das erste mal wahrgenommen. Ich hatte den Eindruck das es mehr ein Experimentelles bzw. Forschungs System ist. Ein ernsthafter ansatz das als neues OS für den Normaluser zu etablieren war wohl nicht das Ziel. Einfach neue Ideen auspropieren und wenn was dabei verwertbares herauskommt dann patentieren.

    Inferno war wohl eher mehr für Set Top Devices gedacht. Inferno war da eher ein Komerzieller Ansatz.

    Die hier benutzen Plan9 als Foschungs Plattform.
    http://lsub.org/ls/

    Auch sind Einsätze diese Systeme vorstellbar bzw. umgesetzt die ein Normaluser einfach nicht mitbekommt. Es durchaus möglich das wir Gerätschaften nutzen die Plan9 oder Inferno als OS haben ohne es jemals mitzubekommen. Es gibt noch eine andere Welt neben Windows,MacOSX. iOS, Linux, Android etc. Es geht da von kleinesten Microcontroller bis hin zu Supercomputern.

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