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Stimmungen und Fakten

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  1. Stimmungen und Fakten

    Autor: Der Held vom Erdbeerfeld 25.10.16 - 18:35

    Zugegeben, Herr Wörners Prozentrechnung ist totaler Stuss, aber schließlich ist der gute Mann - obwohl aus dem Ingenieurswesen stammend - inzwischen eher Manager. Und als solcher ist es weniger seine Aufgabe, sachliche Erfolgsgrade bekannt zu geben, als vielmehr zu versuchen ein positives Stimmungsbild zu zeichnen, das dazu geeignet ist zukünftige Projekte zu sichern. Ob er das gut oder schlecht gemacht hat, darüber kann man sich streiten, da professionelle und semiprofessionelle Teile der Bevölkerung sich von solchen Milchmädchenrechnungen wohl eher abgestoßen fühlen. Diese Bevölkerungsteile machen aber nur einen kleinen Teil derer aus, deren Akzeptanz letztendlich benötigt wird. Trotzdem wäre zu überlegen, ob man statt solcher abstrakten Zahlenspielereien nicht lieber - auch für Laien verständlich - erklären sollte, welche *vorher definierten* Missionsziele erfüllt bzw. nicht erfüllt werden konnten.

    De facto war die Mission kein Misserfolg. Das Absetzen des Landers war von vornherein ein sekundäres Ziel und wäre er butterweich aufgesetzt, hätte das am Ergebnis nichts geändert: Der Lander hätte am Boden nichts weiter machen können, weil er im Grunde nur ein Test-Dummy ohne jede Mobilität und Sensorik für weiterführende Untersuchungen war. Das Aussetzen des Rovers ist ein mechanischer Vorgang, der durch die Bedingungen auf dem Mars nicht beeinflusst wird und problemlos auch auf der Erde getestet werden kann. Der Erfolg des Landevorgangs steht und fällt also damit, welche Daten und Erfahrungen *während* des Landevorgangs gewonnen werden konnten. Und ob die ESA damit zufrieden ist, kann nur die ESA beurteilen. Faktisch gesehen.

    Die Öffentlichkeit wird aber weniger von Fakten, sondern von Stimmungen geleitet, und ein zerschellter Lander fühlt sich nun einmal irgendwie ... unschön an. Auf diese Stimmung sollte man natürlich mehr Rücksicht nehmen, als Herr Wörner es getan hat und vielleicht nicht nur erklärende, sondern auch etwas "warmherzigere" Worte finden.

    Wenn jetzt andererseits Einige wieder reflexartig schreien, wie viel an Steuergeldern da über die Marsoberfläche verstreut wurden, sollten vielleicht mal ihr Hirn einschalten und überlegen, ob ein totes Konstrukt au Metall und Kunststoff in einem Stück auf der Marsoberfläche mehr fürs Geld gewesen wäre oder ob sie nicht grundsätzlich ein Problem mit teuren Forschungsfeldern haben, die kein unmittelbar nutzbares Ergebnis produzieren.

    Spekulationen über systemimmanente Fehler bei der ESA halte ich allerdings nicht nur für müßig, sondern zudem für recht weit hergeholt. Es gehört zur Natur von Pilotprojekten, dass deren Ergebnis nicht immer "sexy" ist. Für die (zudem medial aufwändig inszenierte) Mondlandung wurde vorher auch irrsinnig viele Ressourcen verbraten, die man in den historisch gewordenen Bildern nicht mehr sieht und auf dem Weg dahin gab es etliche Pannen und Rückschläge, die inzwischen hinlänglich und öffentlich dokumentiert sind, deren Details man dem Steuerzahler jedoch damals lieber nicht zugemutet hat.

    Heute ist von vornherein fast alles sofort öffentlich, aber manchmal frage ich mich, ob das wirklich besser ist. Manche Menschen verkraften einfach nur das gefühlt positive Endergebnis eines langen, mit Fehlern und Pannen gespickten und häufig schmerzhaften Entwicklungsprozesses. Da hätte auch Schiaparelli vorzugsweise sauber unten aufkommen, machinell eine Flagge aufpflanzen und eine Flasche Schampus entkorken müssen. Dass das sachlich absolut unerheblich ist, interessiert dabei nicht.

    Wäre der Lander heil gelandet, wüsste man, dass die gewählte Konfiguration unter dieser spezifischen Konstellation von Bedingungen funktioniert hat. Das ist wertvoll und wertlos zugleich, denn die spezifische Situation ist nicht reproduzierbar. Der Mars ist ein dynamisches System mit veränderlichen Bedingungen, die sich nicht nach Landeterminen richten. Jetzt ist das Teil aber abgeschmiert und man weiß dadurch, dass die Konfiguration im Prinzip funktioniert *und* wo man nachbessern muss. Das ist sehr viel wertvoller für ein Gelingen der Landung des Exomars Rover als eine erfolgreiche Generalprobe, die außerdem (Wenn man schon über Fehlerkultur psychologisieren will ...) bei den Verantwortlichen ein falsches Gefühl von Sicherheit erzeugen könnte.

  2. Re: Stimmungen und Fakten

    Autor: tangonuevo 25.10.16 - 20:31

    Der Held vom Erdbeerfeld schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Jetzt ist das Teil aber abgeschmiert und man weiß dadurch, dass die
    > Konfiguration im Prinzip funktioniert *und* wo man nachbessern muss. Das
    > ist sehr viel wertvoller für ein Gelingen der Landung des Exomars Rover als
    > eine erfolgreiche Generalprobe, die außerdem (Wenn man schon über
    > Fehlerkultur psychologisieren will ...) bei den Verantwortlichen ein
    > falsches Gefühl von Sicherheit erzeugen könnte.

    Der Absturz soll besser sein als eine erfolgreiche Landung? Bei einer erfolgreichen Landung weisst, du dass du mit großer Wahrscheinlichkeit keine prinzipiellen Fehler mehr hast und kannst anhand der Telemmetrie-Daten auch sehen, wo eventuell noch zu knapp kalkuliert wird.
    Eine gescheiterte Mission liefert dir in der Regel die gleiche Info bis zum Auftreten des Fehlers, ansonsten noch den Fehler selber und über spätere Phasen eigentlich fast nichts mehr. Wie kann x+1 kleiner als x sein?

  3. Re: Stimmungen und Fakten

    Autor: Der Held vom Erdbeerfeld 26.10.16 - 22:24

    tangonuevo schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Der Absturz soll besser sein als eine erfolgreiche Landung?

    Ich schrieb, dass bei einem Testlauf ein Misslingen des Testlaufs und Offenbarung von der Fehlerquellen technisch gesehen ebenso ein Erfolg ist gut ist wie ein Testlauf, bei dem keine Fehler auftreten. Denn genau dafür sind Test und Versuche da: Um Fehler in komplexen Abläufen zu finden. Erst *finale* Testläufe dienen dazu, die (anzunehmende) Fehlerfreiheit zu verifizieren.

    Im vorliegenden Fall gab es Probleme im Zusammenspiel von Höhenradar, Signalweitergabe und Funktionsauslösung. Das ist nichts, was in simulierten Testläufen unbedingt auftritt, sondern eben erst, wenn echte Telemetriedaten unter echter Belastung von Material und Elektronik zur richtigen Zeit die gewünschten Funktionen auslösen sollen.

    Sicherlich ist es dem Selbstbewusstsein zuträglich, wenn ein Testlauf reibungslos abläuft, aber das ist im wissenschaftlich-technischen Sinne kein Indikator für Erfolg oder Misserfolg. Man unternimmt schließlich Versuche und führt Tests durch, um Fehler zu finden, also ist es ebenso ein Erfolg, wenn man Fehler findet.
    Fehler zu finden oder keine Fehler zu finden ist zudem im Rahmen eines unspezifischen Testlaufs gleichwertig. Wenn man hingegen Grund zu der Annahme hätte, dass es Fehler gibt und diese offenbaren sich im Versuch nicht, wäre ein fehlerfrei durchgeführter Versuch sogar ein Misserfolg. Ein solcher wäre es außerdem, wenn man die tatsächliche Mission startet und man davon ausgeht, alle Fehler gefunden zu haben, sich dies jedoch als Irrtum erweist. Das Auftreten von Fehlern während nicht-finaler Testläufe kann per Definition kein Misserfolg ein.

    Daher sehe ich den Fehler der ESA nach wie vor weniger in einer sogenannten "Fehlerkultur", sondern in der Öffentlichkeitsarbeit. Denn die Öffentlichkeit besteht nur zu einem kleinen Teil aus Wissenschaftlern und/oder Ingenieuren, sondern aus Menschen, die als letztliche moralische und finanzielle Träger solcher Projekte einen Anspruch darauf haben, ohne herablassend vereinfachtes Geschwurbel, aber dennoch verständlich erklärt zu bekommen, was das Ganze bringen sollte, was es gebracht hat und was es im Idealfall hätte bringen können. Es ist absolut nachvollziehbar, warum beispielsweise Schönrechnungen schlecht ankommen und den Eindruck erwecken, es würde kein korrekter Umgang mit Fehler stattfinden. Stattdessen zu erklären, dass es zwar schade ist, dass der Lander nicht heil angekommen ist, aber dass die Aufdeckung der Fehlerquellen eine wertvolle Erkenntnis lieferten, wäre sicher klüger gewesen.

    Was mich hier sehr stört ist, dass aus diesem arg relativierenden Blogeintrag geschlossen wird, die ESA würde die aufgetretenen Probleme ignorieren. Schon der gesunde Menschenverstand muss einem doch sagen, dass ganz im Gegenteil intensiv daran gearbeitet werden wird, die Fehler auszumerzen. Zu glauben, Ingenieure würden das einfach mal ignorieren, nur weil der Chef der Behörde Schönrederei statt Erklärungen liefert, ist meines Erachtens reine Unkerei.

  4. Re: Stimmungen und Fakten

    Autor: tangonuevo 27.10.16 - 00:21

    Der Held vom Erdbeerfeld schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Ich schrieb, dass bei einem Testlauf ein Misslingen des Testlaufs und
    > Offenbarung von der Fehlerquellen technisch gesehen ebenso ein Erfolg ist
    > gut ist wie ein Testlauf, bei dem keine Fehler auftreten.

    Sorry, aber an "ist sehr viel wertvoller" lässt sich nicht herumdeuteln. Allerdings hast du weiter unten tatsächlich ein gutes Beispiel dafür gebracht, wann der fehlerlose Flug schlechter als der Absturz sein kann, also verbuchen wir das unter "schlecht ausgedrückt".

    > Was mich hier sehr stört ist, dass aus diesem arg relativierenden
    > Blogeintrag geschlossen wird, die ESA würde die aufgetretenen Probleme
    > ignorieren. Schon der gesunde Menschenverstand muss einem doch sagen, dass
    > ganz im Gegenteil intensiv daran gearbeitet werden wird, die Fehler
    > auszumerzen. Zu glauben, Ingenieure würden das einfach mal ignorieren, nur
    > weil der Chef der Behörde Schönrederei statt Erklärungen liefert, ist
    > meines Erachtens reine Unkerei.

    Ja, natürlich werden die Fehler ausgemerzt und jedes Detail der Telemmetrie wird untersucht werden. Aber Fehler != Probleme. Die Probleme, über die z.b. im Artikel gemutmaßt wird, sind Probleme in der Organisation. Und das hat mit den Ingenieuren weniger zu tun als mit den Chefs. Die bestimmen, wieviel Geld in die Tests fliessen, wieviel Mitarbeiter die Prüfabteilungen haben, ob eine von Ingenieuren geforderte Testumgebung gebaut wird, unter welchen Bedingungen die finalen Tests stattfinden... Die Ingenieure können höchstens aus ihrem jeweils begrenzten Blickwinkel manche Organisationsprobleme feststellen und sie nach oben melden. Ob daraus die richtigen Konsequenzen gezogen werden, das haben die Manager in der Hand.

    Falls da strukturelle Probleme oder Versäumnisse sind, sehen wir die von aussen natürlich nicht, wir können nur anhand der Ergebnisse mutmassen und uns anhand der Aussagen (auch des Chefs) ein Bild machen.

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