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Interessen vs gesellschaftliche Zwänge

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  1. Interessen vs gesellschaftliche Zwänge

    Autor: /mecki78 04.04.18 - 16:01

    Ich habe mit dem Programmieren angefangen, da war ich noch in der Grundschule. Das habe ich nicht gemacht aufgrund einer Werbung oder weil mir irgendwer gesagt hat, dass ich tun das soll oder weil alle meine Freunde auch programmiert haben, das habe ich gemacht weil ich Computer interessant fand und wissen wollte, wie das eigentlich geht, dass man einen Computer sagen kann, was er zu tun hat. Ich habe mir also ein Buch zu den Thema ausgeliehen (Geld eines zu kaufen hatte ich nicht wirklich) und dann einfach mal angefangen.

    Zuerst habe ich nichts verstanden, obwohl das ein einfaches Buch war, das extra dafür gedacht war Kinder an das Programmieren heran zu führen. Da wurden kleine Spiele in Basic programmiert; ich habe alles gelesen und allen Quelltext abgetippt (was ewig gedauert hat!), aber verstanden habe ich das erst einmal alles gar nicht. Das Buch hat oft mehr Fragen aufgeworfen als es beantwortet hat, weil die Erklärungen nicht ausführlich genug waren. Da stand halt so "Und dann müssen wir noch ... machen, das machen wir dann so" und dann kam Quelltext. Und ich bin nur da gesessen und hab mich gefragt "Ja aber warum machen wir das jetzt so? Wieso funktioniert das so überhaupt? Und müssten wir das nicht eher so machen, so wie damals in dem anderen Programm?" Leider war da niemand, den ich diese Frage hätten fragen können.

    Aber egal, ich hab mich da durchgebissen. Erst gegen Ende des Buches habe ich dann angefangen den Quelltext zu modifizieren und zu schauen was dann passiert bzw. was dann anders ist, und dann erst kamen die ersten Aha-Effekte. Learning by doing, einfach mal ausprobieren, der Computer wird schon nicht explodieren. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Laufzeitfehler, dann hat man auch was gelernt, und zwar wie man es lieber nicht machen sollte. Als ich dann das Buch durch hatte, wollte ich ein etwas weiterführendes Buch und das habe ich mir halt dann von meinen Eltern gewünscht zu Geburtstag, denn das konnte ich mir nirgends ausleihen und das war schon recht teuer. Damit ging es dann weiter. Immer noch Basic, aber jetzt schon deutlich komplexer. Danach kamen dann andere Sprachen, usw.

    Als ich irgendwann mal anderen Jungs in meiner Klasse davon erzählt habe, kam raus, dass zwei andere sich auch schon mit dem Thema beschäftigt hatten, einer hat sogar das gleiche Einführungsbuch wie ich damals gelesen. Jetzt hatte ich Leute mit denen ich mich austauschen konnte. Ich konnte denen Dinge erklären, die sie nicht verstanden haben und sie mir Dinge, die ich nicht verstanden hatte. Gemeinsam konnten wir die ganzen Fragen, die das erste Buch offen ließ, final alle beantworten. Da wäre ich alleine wohl dran verzweifelt.

    Hat es auch Mädchen in unserer Klasse gegeben, die das gemacht haben? Nicht das ich wüsste. Warum nicht? Hatten die Zugang zu einem Computer? Also bei einigen weiß ich das sie einen Computer daheim hatten, oft war der viel besser als das was ich daheim hatte (wir hatten für so was nicht wirklich viel Geld damals). Hätten die sich so ein Buch ausleihen können? Klar, wenn ich das geschafft habe (ich war damals nicht gerade für meine Eigeninitiative bekannt), dann hätten die das locker geschafft. Lag es daran, dass deren Eltern ihnen gesagt haben, das ist nichts für Mädchen? Habe ich noch nie was von gehört. Sofern ich das beurteilen kann, lag das daran, dass wenn ich mit einen Mädchen über Computer gesprochen hatte, dann nur die Antwort kam "Computer sind langweilig", was wir Jungs ganz anders gesehen haben, wir fanden die total spannend.

    Und wir fanden das nicht aufgrund von einer Werbung, weil ich kannte gar keine Computerwerbung zu dieser Zeit. Und wir fanden das auch nicht, aufgrund von Vorbildern, ich hätte damals nicht mal eine einzige Person aus dem IT Business nennen können. Ich weiß auch nichts von gesellschaftlichen Zwängen, die auf uns eingewirkt hätten. Wir fanden einfach Computer cool, genauso wie wir Pferde total doof fanden und nicht verstehen konnten, warum Mädchen so scharf auf alles waren, das irgendwie mit Pferden zu tun hatte. Und in so jungen Jahren werden halt schon die Weichen für das komplette weiter Leben gestellt. Ich finde Computer auch heute noch cool, genauso wie ich Pferde auch heute noch doof finde (das wird nur getoppt von Einhörnern). Die Mädchen hätten ja auch ein Pferdespiel programmieren können, das eine schließt ja das andere nicht aus, nur das fanden sie genauso langweilig.

    Dieses "Aber Mädchen müssen doch auch Programmieren" erinnert mich daran, dass meine Großeltern immer wollten, das sich Klavierstunden nehme. Ich wollte keinen Klavierstunden haben. Ich wollte kein Instrument spielen lernen, das fand ich öde. Warum muss ich so was lernen, nur weil meine Großeltern sich einbilden, dass es wichtig ist, dass man ein Instrument kann? Sie hätten mir auch Gitarrenunterricht gezahlt, wenn ich das gewollt hätte, sogar Schlagzeug, aber das hat mich alles nicht interessiert. Andere Jungs in meiner Klasse haben damals schon angefangen E-Gitarre zu lernen (früh übt sich, wer ein Meister werden will). Das fand ich schon cool, selbst wenn die gerade mal 2 Akkorde spielen konnten, aber mich hat das dennoch nicht interessiert. Die machten ihr Ding und ich machte mein Ding.

    Kein Mensch auf der Welt stört sich daran, dass 96,6% aller Kosmetiker, 92,8% aller Erzieher, 89,7% aller Frisöre, 86,8% aller Altenpfleger und 80,3% aller Verkäufer Frauen sind. Ich sehe da keine Initiative für "Wir brauchen mehr Männer in diesen Berufen", auch wenn man sich durchaus fragen kann, ist es gut, dass Kinder z.B. fast ausschließlich von Frauen erzogen werden und somit gar keine männliche Sichtweise der Dinge oder Herangehensweise an Probleme erlernen? Anscheinend ist das aber egal und anscheinend sind wir damit die letzten 50 Jahre auch nicht schlecht gefahren.



    Hier wird versucht irgendwie zu argumentieren, dass die Schuld in der IT Branche und in den Technik Schulen zu suchen ist, dabei werden die Weichen eben schon in der Grundschule gelegt und darauf haben weder technische Hochschulen noch die Branche irgend einen Einfluss drauf. Ich kenne auch kein Elternpaar in meinen Freundeskreis, die ihrer Tochter nicht jegliche erdenkliche Förderung zukommen lassen würden (Hardware, Bücher, sogar bezahlte Kurse), wenn sie sagt sie interessiert sich für Computer und würde gerne programmiere lernen. Damit rennt sie bei allen Eltern die ich kenne offene Türen ein. Nur das passiert nicht. Mit so was kommen nur deren Jungs irgendwann mal an und das tun sie ganz von alleine und von sich aus.

    Und diese Vorbilddebatte finde ich auch total lächerlich. Als damals Indiana Jones in den Kinos kam, wollten alle Jungs Indiana Jones sein. Wäre das wirklich der Alltag eines Archäologen, die Unis hätten sich nicht mehr vor Bewerbern retten können. Aber als damals Lara Croft in die Kinos kam, da wollten nicht auf einmal alle Mädchen Lara Croft sein. Obwohl jetzt eine Frau der Actionheld war, fanden auch hier wieder hauptsächlich Jungs das ganze cool. Ich finde das zeigt überdeutlich, dass es Kindern egal ist, ob der "Held" ein Mann oder eine Frau ist, ihnen geht es darum, was dieser Held tut und nicht um das, was er zwischen den Beinen hängen hat oder eben nicht. Auch die Resident Evil Reihe ist hauptsächlich beliebt bei Jungs, obwohl auch hier der Held eine Frau ist. Umgekehrt führte bei Mädchen in den letzten Jahren kein Weg an Bibi und Tina vorbei, was Jungs jetzt eher doof fanden und ich wette das hätten Jungs genauso doof gefunden, wenn da zwei Jungs in den Hauptrollen gewesen wären (wobei ich damals auch als Junge die Hörspielreihe Bibi Blocksberg schon gut fand!)

    Das Mädchen, die sich wirklich für das Thema interessieren, und ja, die gibt es natürlich garantiert auch, später vielleicht deswegen nicht in diese Richtung weiter gehen, weil sie eben Angst haben "das einzige Mädchen zu sein", okay, das kann ich verstehen. Das ist ein Problem, wo wir uns mal was überlegen müssten. Vielleicht brauchen wir wirklich eine reine Mädchen Computerschule, auch wenn das etwas anarchisch klingt. Oder aber eine Schule, die nur so viele Jungs aufnimmt, wie sie bereits Mädchen hat, so dass es immer ein 1:1 Verhältnis gibt. Aber was ich nicht nachvollziehen kann ist es, dass gewisse Leute hier einfach nicht verstehen wollen, dass gut 95% der Mädchen kein Interesse an diesem Fach hat (auch wenn sie vielleicht darin gut wären, das hat ja damit nichts zu tun) und dass das aber kein Problem ist, weil jeder das Recht hat sich seine Interessen selber aussuchen zu dürfen und niemand für irgendwas Interesse haben muss, nur weil die Gesellschaft das gerne so möchte.

    Denn wenn wir Mädchen jetzt in bestimmte Berufssparten "zwingen", dann haben wir gar nichts gelernt und werfen die Emanzipation um 50 Jahre zurück. War es früher so, dass Frauen zu Hause am Herd stehen und sich um die Kinder kümmern mussten, nur weil die Gesellschaft das so wollte, müssen auf einmal Frauen heute Programmierer werden, nur weil die Gesellschaft das so will - wo bitte ist das der Unterschied? Warum dürfen Männer immer frei entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen und Frauen müssen immer das tun, was die Gesellschaft von ihnen will? Was für eine seltsame Gleichberechtigt soll denn bitte das sein?

    /Mecki

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