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Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

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  1. Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: ExperiencedFreelancer 11.01.19 - 17:32

    Ich bin seit 32 Jahren als IT-Freelancer selbständig. Nachfolgend einige "Real-Life"-Erfahrungen.

    Persönlicher Hintergrund
    Autodidakt. In Schüler- und Studiumszeiten nebenberuflich IT-Freelancer, meist als Entwickler, aber auch für Dokumentation, Test, Integration. Studium nicht IT-relevant; abgebrochen wg. Gründung eines (erfolglosen) IT-Start-Ups, danach ausschließlich und in Vollzeit als IT-Freelancer unterwegs. Software-Entwicklungsprojekte: zunächst vorwiegend Entwicklung, später überwiegend Projektleitung. Begleitend auch alle möglichen anderen Aufgaben aus dem SDLC, wie Architektur, Requirements Engineering, Integration, Releasemanagement, QA/Testmanagement, DevOps, Developer-Coaching usw. Generalist.

    Stundensatz/Umsatz/Gewinn
    1997: 120DM/h, 2019: 120¤/h. Entwicklung nicht smooth, sondern mit Einbrüchen nach dem Platzen der Dot-Com-Blase 2000/2001, sowie (schwächer) nach der Finanzkrise 2008.
    Aktuell ca. 204k¤ Jahresumsatz. Kostenquote knapp. 5% (vor allem Steuerberater), verfügbares Brutto-Einkommen also ca. 194k¤. Kostenquote im historischen Vergleich für mich sehr niedrig, da früher weit höher aufgrund Einsätze außerhalb des Pendelgebiets (Zweitwohnung, Hotel) und teilweise auch wg. sehr teurer beruflicher Fortbildungen (in den letzten zwanzig Jahren ca. 70k¤ Investments in relevante Fortbildungen). Aufwand für Hard- und Software inzwischen sehr niedrig aufgrund überwiegender Open-Source-Nutzung und Schwerpunktverschiebung weg von Entwicklung hin zu Projektmanagement.
    Auszahlen tue ich mir als GmbH-GF in der Regel nur 7,5 k¤/Monat sowie eine jährliche fixe prozentuale Tantieme des GmbH-Gewinns. Die ca. 100k¤ reichen mir in der Regel, der Rest des Gewinns bleibt in der GmbH.

    Akquise
    Permanente Pflege meines Word-Profils. Stets aktuell, möglichst regelmäßige Anpassung an Hype-Technologien und Stichwörter, da viele Vermittler lediglich Keyword-Matching betreiben. Offensiv formulieren, aber niemals wirklich lügen. Aufpassen, wem man was kommuniziert hat etwa über den fachlichen Schwerpunkt).
    Etliche Versuche, +über die Jahre direkt Endkunden zu akquirieren (einschließlich persönliche Vorstellung, Anzeigen, Berater, Kaltanrufe usw.) scheiterten. Einzige Ausnahme: Altkunden, bei denen ich initial über einen Vermittler war, und die irgendwann später wieder Bedarf hatten.
    Direktvertrag mit dem Endkunden bleibt für mich eine absolute Ausnahme. Selbst bei Eigenakquise wollen die allermeisten Kunden für die eigentliche Abwicklung einen Vermittler, der dann jedoch sehr viel geringere Marge erhält.
    Anfangs aktives Ansprechen aller verfügbaren Vermittler, inzwischen selektiver. Bestimmte in der Branche bekannte Vermittler mit schlechtem Ruf vermeide ich komplett. Kleinere Vermittler werden von mir im Falle interessanter Angebote nachrecherchiert (Handelsregister, Eigentümer usw.), und gegebenenfalls mit Risikozuschlag berücksichtigt.
    Innerhalb der ersten zwei Jahre war mein Profil bei ca. 80 Vermittlern hinterlegt. Erfahrungsgemäß wandern die Profile mit, wenn die Vermittler-Mitarbeiter den Job wechseln. Inkorrekt, aber gängig.
    Aktuell update ich lediglich proaktiv lediglich die vier, fünf größten Anbieter sowie LinkedIn (samt Empfehlungen von Kunden und Kollegen) und Xing. Andere Vermittler erhalten das jeweils aktuellste Profil nur als Antwort auf in der Regel nicht passende Ansprache per Mail. Anrufe versuche ich zu vermeiden und verweise auf Emails.

    Auslastung
    Zeitliche Auslastung in den letzten zwanzig Jahren bei knapp über 96% meiner verfügbaren Zeit. Ende Neunziger habe ich (freiwillig) über 2.000h/Jahr fakturiert, aktuell (freiwillig) nur ca. 1.700h/Jahr.
    Projekte mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen in Vollauslastung, d.h. in aller Regel nur für einen Kunden gleichzeitig tätig. Ausnahmen sind oft Restarbeiten, die ich nebenbei oder Remote ausführe, oder Abnahmen/Zertifizierungen, für die ich nochmals anreise.
    Projekt- und Vertragslänge
    Projektlänge niemals unter sechs Monate. Durchschnittliche Beschäftigungszeit bei Kunden steigt: in den letzten 14 Jahren nur fünf Kunden. Anfangs wollte ich so lange im Projekt bleiben wie möglich (nie von mir aus gekündigt), wechselte jedoch im Falle deutlich interessanterer (technisch wie pekuniär) Angebote.
    Initiale Vertragslänge hat sich kaum geändert, meist zwei bis sechs Monate. Spielt für mich immer weniger eine Rolle, da erfahrungsgemäß einerseits der Kunde einen faktisch immer los wird (auch wenn der Vertrag eigentlich noch läuft), andererseits ich selbstbewusst bin, dass ich es für sehr wahrscheinlich halte, dass mich der Kunde behalten will.

    Arbeitszeit / Aufwand
    Zu den abrechenbaren Leistungszeiten kommt noch overhead dazu: Akquise, Buchhaltung, Fortbildung etc. Manches macht wohl keiner gern (Steuern!), anderes variiert individuell in der Beurteilung, ob das Job oder Freizeit ist oder etwas dazwischen, etwa interessante Fortbildung.
    Ich empfinde etwa 10-12 Stunden/Monat als zusätzlichen Arbeitsaufwand. In Zeiten auslaufender Projekte kommt Akquise dazu, das ist sehr variabel, manchmal passt die erste Anfrage (Aufwand: ein Telefoninterview), manchmal werden's schon zwei Stunden pro Tag.

    Vertragsgestaltung
    Früher habe ich kaum gewagt, einzelne angebotene Vertragsbedingungen jenseits des Honorars auszuhandeln schon har nicht Änderungen an den AGBs. Das ist inzwischen Routine, und wer nicht mitmachen mag (selten bei seriösen Vermittlern), der ist halt raus. Austausch mit erfahrenen Kollegen hilft bei der Einschätzung, sowie ein vernünftiges Verständnis von Verhandlungsstrategien (Bücher lesen!).
    Verhandelbar ist alles: Zahlungsfristen, Kündigungsfristen, Kundenschutzklauseln, Schweigeklauseln usw. usf. Manchmal lasse ich besonders Schachsinniges auch stehen, wenn ich weiß, dass die entsprechende Regel klar sittenwidrig oder in anderer Weise unwirksam ist. Ganz früher habe ich aus Unwissen mal eine einseitigen Optio auf Verlängerung durch die Gegenseite unterzeichnet, so etwas wird heute zum Glück noch nicht einmal mehr vorgeschlagen. Verträge nach nicht-deutschem Recht gehe ich im Inland nicht mehr ein.
    Ein Steckenpferd von mir: Kurze Kündigungsfristen. Mir gehen Projekte auf den Geist, die mich nicht überzeugen oder gar nerven, und aus denen ich nicht zügig aussteigen kann. Kam einmal vor seitdem verlange ich maximal 30 Tage Kündigungsfrist. Ist manchmal schwer zu erreichen, dann akzeptiere ich eine Ausnahme für die ersten drei Monate, mehr nicht. Andererseits zeige ich mein Vertrauen in meinen Mehrwert: Ich biete unaufgefordert eine Kündigungsfrist von einem Tag. Ich will nicht rumhängen, wo mich der Kunde eigentlich nicht haben will. Kommt oft gut an.

    Krisen und Einbrüche
    Zwei signifikante Nachfrageeinbrüche erlebt: Nachwehen der Dot-Com-Blase 2000-2002, Finanzkrise 2008, letztere in einer Investmentbank. Nicht schön, rabiate abrupte Kahlschläge.
    Reaktion: 2008 reichte eine Senkung meines Angebotspreises um ca. 40%. für einen neuen Auftrag gereicht. 2001/2002 nicht. Ich wurde bereit, nahezu alles anzunehmen, und meldete mich bei obskur klingenden Projekten, die eigentlich gar nicht passten. Fast fünf Monate ohne Umsatz, danach wieder "back to normal". Unlustig, Existenzängste plagten mich (und praktisch alle mir bekannten Kollegen)

    Skalierung
    Mehrfache Versuche, aus der Solo-Selbständigkeit mehr zu machen, also eine "richtige" Firma. Nicht erfolgreich, aber auch kein signifikantes Kapital verloren (schwarze Nullen). Gründe eher persönlich, u.a. zu hohe Risikoaversion und mangelnde Menschenkenntnis.

    Mobilität
    Ich hasse Pendeln, und zog daher immer hinter den Projekten her. Anfangs in elf Jahren zehn Wohnungen, quer durch Westdeutschland, die Schweiz und auch London. Seit elf Jahren ausschließlich in einem westdeutschen Ballungsraum aktiv, vor allem auch aus privaten Gründen. Dennoch im Falle außergewöhnlicher Angebote oder auch nur einfach einer Krise bereit, zumindest Wochenpendeln zu betreiben.
    Seit sehr langer Zeit kein eigenes Auto (keine Ideologie). Schlicht unnötig, wenn man wie ich faktisch nur Einsätze in Großstädten und Ballungsräumen annimmt. Vermeidet zudem einen beliebten Angriffspunkt bei Steuerprüfungen: Niemand reklamiert Flüge, Mietwagen, Taxifahrten.
    Remotetätigkeit für Projektleiter leider weniger zweckmäßig und akzeptiert als für Devs. Dennoch praktisch immer zumindest 4-Tage-Woche möglich. Inzwischen verhandele ich dies gar nicht mehr initial (führt manchmal zu unguter Stimmung), sondern überzeuge den Kunden einfach on the job von der Sinnhaftigkeit.

    Rechtsform, Steuern
    Stets korrekt gemeldet. Initial als Freiberufler tätig. Seit knapp zwanzig Jahren in einer GmbH als GmbH-Gesellschafter-Geschäftsführer. Bilanzierung statt EÜR lästig, aber reine Gewohnheit. Gewerbesteuer bei geringen Hebesätzen aufkommensneutral, bei hohen Hebesätzen (wie bei mir) zusätzlicher Aufwand. Dennoch zweifelhaft, ob GmbH wirklich finanziell von Nachteil, da umfangreiche legale steuerliche Gestaltungen möglich sind, insbesondere mit der Zielrichtung "Sparschwein fürs Alter".
    GmbH-Gründung inzwischen (dank rechtlicher Erleichterungen) inzwischen noch viel einfacher. Auch nicht zu vergessen: Im Außenauftritt wirkt auf die allermeisten ein GF einer GmbH besser als ein Freiberufler(egal ob zu Recht oder Unrecht, der Eindruck zählt).
    In Freiberuflerzeiten selber Belegbearbeitung samt Steuern gemacht. Aufgrund selbst verschuldetem Chaos stets mit schlechtem Gewissen operierend. Enormer Zeitaufwand, gelegentliche Fristversäumnisse samt Strafen, wenig Überblick, stets genervt. Seitdem Steuerberater samt Belegbearbeitung. Routine kehrte ein, Vertrauensverhältnis ebenso. Zeitaufwand jetzt gering (monatlich ca. 2 Stunden, plus jährlich zwei weitere Stunden).

    Scheinselbständigkeit
    Rechtliche Situation wurde sehr schwierig unter Kanzler Schröder. Zeitweilig wirklich hohe Risiken, die das Geschäftsmodell für fast alle IT-Freelancer bedrohten. Zu dem Zeitpunkt hat fast jeder hektisch Umgehungsgestaltungen zweifelhafter Güte gesucht. Vieles wurde diskutiert, wenig wurde tatsächlich umgesetzt. Mich kostete es einige Anwaltshonorare, aber meine GmbH war (zumindest damals) noch nicht im höchsten Fokus der Aufmerksamkeit, Freiberufler dagegen schon. Erste Änderungen noch seitens der Rot-Grün-Regierung nahmen für verständige Freelancer den allergrößten Druck raus. Allerdings gerieten einerseits naive Kollegen unter Druck (oft sich selbst bei der Rentenkasse meldend), andererseits besonders dämliche, die tatsächlich auch nach volkstümlicher Definition nicht selbständig waren, sondern Weisungen seitens Kundenvertretern unterlagen. Wenig Mitgefühl meinerseits: das sind keine echten, eigenverantwortlichen Selbständigen, denn dieser unterliegt insbesondere eben keinen Weisungen hinsichtlich Ort, Zeit und Umfang seiner Beschäftigung. Selbständige agieren stets auf Augenhöhe mit dem Kunden! Schon damals galt für mich: Wer mich wie einen Angestellten behandelt, bekommt Kontra, gegebenenfalls schon im ersten Kontaktgespräch. Manchmal musste ich auch offen auf die Rechtlage hinweisen und mit meinem Abschied drohen, was einen natürlich nicht populärer macht. Rückgrat zählt, und wird meist auch anerkannt. Natürlich kam auch ANÜ nie in Frage, auch wenn wieselnde Vermittler immer wieder behaupteten, dass es anders nicht gehe. Mag (selten) der Fall sein, aber dann ohne mich.
    Legal-Situation und insbesondere Rechtsprechung sind seitdem deutlich entspannter. Insbesondere seit das BSG 2017 (endlich!) die Höhe des Honorars als ein valides Indiz gegen eine ScheiSe anerkannte, ist die Luft total raus, zumindest für qualifizierte IT-Freelancer. Für geringverdienende Kabelverleger, PC-Aufsteller und First-Level-Windows-Erklärer sieht es aber weiterhin anders aus. Problem: Einige Kunden (Einzelfälle, allerdings teilweise auch sehr, sehr große) haben das dank schwacher Legals-Abteilungen nicht erkannt, und gehen auf Nummer Sicher: Keine Freelancer, nur ANÜ. Meine Vorhersage: War schon mal so, das gibt sich, sobald der Druck mangelnder Expertise hoch genug wird.
    Anders beim Status "Arbeitnehmerähnlicher Selbständiger". Womöglich bin ich da im Risiko. Juristisch kein Problem, aber Zwangsmitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenkasse droht. Insbesondere die gegebenenfalls notwendigen Nachzahlungen würden die Liquidität vieler Kollegen bedrohen. Ich habe entsprechende Rücklagen. Andererseits ist die GRV inzwischen dank niedriger Erträge am Kapitalmarkt auch wieder sehr interessant geworden, so dass ich aktuell Neueinsteigern zu einer ohne weiteres möglichen freiwilligen Versicherung raten würde.

  2. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: ExperiencedFreelancer 11.01.19 - 17:33

    Altersvorsorge
    Nie Mitglied in der GRV. Altersvorsorge weit überwiegend durch Anlagen in Form von ETFs und Aktien, sowie (kleineren) Rentenversicherungen aus Zeiten hoher garantierter Verzinsungen. Vermögen nominal inzwischen erheblich, aber man darf sich nicht täuschen lassen: Man braucht wirklich, wirklich viel Asche, wenn man in aller Bequemlichkeit aufhören möchte zu arbeiten ohne eine Rente zu beziehen. Die Größenordnungen sind erschreckend, Hinweise auf den effektiven Kapitalbedarf bieten die Tarife von Rentenversicherungen gegen Einmalzahlung.
    Verhalten der Kollegen extrem variabel: Von Sparfüchsen (wahlweise Gold/Betongold/Aktien), die sich ausrechnen, wie sie nach fünfzehn Jahren bereits in Rente gehen können bis hin zu Größenwahnsinnigen, die sich (echtes Beispiel!) drei Dienstwagen leisten (davon zwei Sportcabrios) mit anschließender Verwunderung über die Sonderprüfung des FA. Recht oft auch gesehen der seltenst erfolgreiche Spielertyp (Optionen, exotische Wertpapiere). Dazu die Spezies der Extrem-Steuervermeider. Mir fehlt die allerletzte Kompetenz diesbezüglich, aber ich bezweifle, dass die allermeisten "interessanten" Konstrukte von Guernsey bis Dubai legal waren. Seltener Untertypus: Dumpfbacke, welche planlos die erhaltene Umsatzsteuer verfrisst, oder nicht an notwendige ESt-Vorauszahlungen denkt. Erschrecktes Erwachen droht dank humorloser Finanzämter.

    Absicherung
    PKV. Tarif mit 1.200 ¤ Eigenbeitrag / Jahr bei finanzstarker Versicherung. Noch nie auch nur einen Cent eingereicht. Zusätzlich Krankentagegeldversicherung. Ebenfalls ungenutzt. Beitragsentwicklung unauffällig und vertretbar (da kein extremer Locktarif).
    Berufsunfähigkeitsversicherung. Früh abgeschlossen (wichtig!), aber aus heutiger Sicht zu niedrig. In meinem jetzigen Alter würde ich keine bezahlbare mehr finden, das war ein Fehler und ein unangemessenes Risiko meinerseits. Zusätzlich zumindest hohe Unfallversicherung abgeschlossen.
    Private Haftpflicht sowieso, aber auch Berufshaftpflicht (wichtig!).

    Persönlichkeitsentwicklung
    War anfangs extrem unsicher: Was kann ich? Kann das fast jeder, oder ist das was Besonderes? Was ist das wert? Was erwartet man von mir? Ist die Erwartung realistisch? Einerseits allgemeine Verunsicherung, andererseits dachte ich vom jeweiligen (meist technischen) Spezialgebiet: Das kann nicht so schwer sein / das habe ich drauf / die anderen sind ja noch schlechter. Neben dem eigentlichen Aufträgen viele Erfahrungen durch viele Interviews gesammelt, manchmal bei Interviews jenseits meiner Kragenweite. Manchmal (nicht oft) peinlich zum in den Boden versinken, dennoch langfristig hilfreich. Irritierende Ergebnisse, Feedback entspricht oft nicht dem Eigenbild (positiv wie negativ). Inzwischen mache ich nach jedem Projekteinsatz ein "Debriefing" unter vier Augen mit erfahrenen, geschätzten Kollegen. Hätte ich früher auch schon machen sollen.
    Soziale Kompetenz beginnt technisches Selbstbewusstsein zu dominieren. Erfahrung bringt Abgeklärtheit, aber: nicht (wie etliche Kollegen) der Falle erliegen, nur weil man älter sei, sei man "besser" - Seniorität ist kein Wert an sich! Oder gar weil man Geld bekommt, sei man kompetenter. Gerade in aktueller Lage (ähnlich zum Dot-Com-Boom 1999): Man bekommt Zucker in den Hintern geblasen, und hält sich für den Größten – Blödsinn! Man muss sich erden.
    Auch häufig unter Kollegen: souveräner Experte auf IT-Gebiet X meint, er sei auch auf Gebiet Y deswegen der Crack. Y ist gerne und oft aus den Bereichen Steuergestaltung, Geldanlage, Management und Rechtswesen (Spezialgebiet: Scheinselbständigkeit). Diese sehr selbstbewussten Kollegen genießen oft eine Weile das Leben, und dann wird's riskant (z.B. Steuerprüfung, Prüfung Sozialversicherungsträger oder schlicht ausbleibende Aufträge und gelegentlich auch Pleite samt Offenbarungseid ein Jahr nach dem neu bestellten Porsche).
    Scheidungsrate unter Freelancer-Kollegen mit Sicherheit weit höher als unter festangestellten. Wochenpendeln als besonderes Risiko.

  3. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: magnolia 12.01.19 - 00:48

    Danke!
    Sehr schöne und besonders informative Bereicherung des Artikels.

  4. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: OMS 12.01.19 - 11:52

    @ExperiencedFreelancer: gratuliere. Offenbar alles richtig gemacht bei der Berufsauswahl. Und wirklich eine sehr tolle und umfangreiche Darstellung.

    Wenn man wie ich (freiberuflicher Software-Entwickler seit fast 20 Jahren) aus persönlichen Gründen nicht reisen und z.B. die Woche über in Hotels übernachten kann, sondern nur Projektangebote in der eigenen Stadt annehmen kann, und dann noch etwas abseits des Mainstreams (Windows) operiert, wie ich (sehr Linux-orientiert), dann sieht es schon ganz anders aus. Unabhängig von eigenen (zahlreichen) Fähigkeiten und Kompetenzen.

    Von Jahreseinkommen von 100k Brutto kann ich bisher leider nur träumen. Genauso wie von einer langfristigen Auslastung von mehr als 2/3. Dass ich die überschüssige Freizeit zum Lernen zahlreicher neuer Programmiersprachen und Technologien genutzt habe, hat mir leider beruflich auch noch nicht so viel genützt. Kompetenz und Fähigkeiten allein reichen den Unternehmen nicht aus. Die meisten wollen meiner Erfahrung nach, dass auch "freie" Mitarbeiter genau so vor Ort für sie arbeiten und sich anweisen lassen, wie Festangestellte. Das geht mit mir nur eingeschränkt.

    Akquise d.h. Vermittlung ist auch mein größtes Problem. Leider habe ich derzeit kein all zu großes Netzwerk von Bekannten, die mich weiter empfehlen könnten zur Verfügung. Zumal ich nicht im Webdesign- oder Scripting-Bereich tätig bin (wie die meisten meiner Bekannten, wo der Bedarf deutlich größer zu sein scheint) und darin auch keine Stärke von mir sehe. In der Vergangenheit spielte Netzwerk auch bei mir eine wichtige Rolle.

    Recruiter kann man meiner Erfahrung nach zu über 95% in der Pfeife rauchen. Die spammen einen überwiegend ziemlich wahllos und unabhängig von den angegeben Einsatzfeldern oder -Orten an. Bei vielen ist es auch so, dass selbst wenn man sofort "Ja" und "Amen" und "volles Interesse" sagt, man erst ein oder zwei Wochen später wieder von denen hört, ggf. erst auf Nachfrage: "die Position wurde zwischenzeitlich anderweitig besetzt." D.h. trotz sofortiger Reaktion und ggf. dargelegt mutmaßlich guter Eignung: keine Chance. Vielen merkt man Null Bock auf den eigenen Job an.

    Wenn du mit irgend etwas kommst was nicht in deren Schema passt, dann hört man von den meisten davon auch nie wieder was. Und sei es nur der Hinweis, dass ich rechtliche Rahmenanforderungen für Selbstständige ernst nehme. Z.B. tatsächlich eigenes Arbeitsgerät statt gestelltes, komplett fremd kontrolliertes nutzen möchte.

    Da sie das nicht wollen, engagieren viele Unternehmen tatsächlich nur noch per AnÜ, um Scheinselbstständigkeitsvorwürfen zu entgehen. D.h. da kann man überhaupt nur per Recruiter rein kommen. Und zwar dann wieder als Angestellter. Einige Unternehmen kümmert Scheinselbstständigkeit aber auch heute noch anscheinend wenig: "freie Mitarbeiter? Haben 'selbstverständlich' nur unser gestelltes Gerät zu nutzen. Wie sollen wir das denn sonst kontrollieren?" Hört man sinngemäß immer noch erstaunlich oft. Null Respekt vor Rechtslage.

    Ich hab außerdem schon erlebt, dass Vertreter von nicht ganz kleinen Unternehmen, die angeblich Hände ringend Unterstützung suchten, selbst einen ziemlich günstig von mir angebotenen Stundensatz von 55,- noch runter handeln wollten. Ich bin zwar sehr flexibel. Da wurd's dann aber auch mir zu viel (bzw. zu wenig). Angeblich standen sogar 6-stellige Auftragsverluste im Raum, wenn ihnen nicht schnell geholfen würde. Trotzdem noch Geiz (und andere Zumutungen). Pech gehabt!

    Das Beste ist, wenn Unternehmen einen direkt kontaktieren. Das bedeutet normalerweise, dass sie überhaupt schon mal zum Reden (ggf. auch über Arbeitsmodalitäten) bereit sind. Ggf. weil der Personalengpass doch so drückend ist und man erkannt hat, dass Recruiter meist nur Masse statt Klasse anschleppen. Leider kommt es nur extrem selten vor, dass sich Unternehmen noch direkt z.B. auf eigene Profile in Projektbörsen oder sonstwo melden. Größere offenbar gar nicht. Die bleiben bei Recruitern. Und 08/15-Verfahren: wer eigene Ideen oder Vorstellungen zur Berufsausübung hat, ist grundsätzlich unerwünscht. Am ehesten melden sich noch die kleineren oder jüngeren Unternehmen. Für die arbeite ich auch am liebsten. Dann auch freiwillig deutlich preisgünstiger.

  5. Re: Echte Erfahrungen

    Autor: norbertgriese 13.01.19 - 23:26

    Das liest sich prima.

    Ich war verheiratet, 2Kinder, Wohnung und Auto und seit gut 10Jahren Student. Ich habe Verkaufsanzeigen betreffs Homecomputern gelesen, gekauft und mit Garantie verkauft. Damit war ich der einzige, der als Privatperson Garantie anbot (14 Tage). Das brachte etwa 500 Euro (korrekt 1000 DM Gewinn) pro Wochenende (80er Jahre). Dann hat mich einer, der einen kleinen Laden hatte,gefragt, ob ich nicht 50% von seinem Laden kaufen will. Wir haben in 4 Monaten den Monats-Umsatz hochgedrückt mit Neuware von 10000 auf 100000 DM. Kurz drauf hat der Mitinhaber lieber eine Katzenpension betreiben wollen und ich war Alleininhaber. Dann hatte ich Kontakt zu Jugendlichen, die selbst importiert haben aus China, Hongkong, Korea. Die hatten anfangs Geldbedarf, ich ihnen was geliehen. Dafür haben sie mir was mitgebracht (halber deutscher Großhandelspreis). Nach 1,5 bis 2 Jahren waren die 1-2 fache Millionäre (und hatten wohl noch gar nicht angefangen, Steuern zu zahlen). Dann haben die Jugendlichen Deutschland verlassen. Ich war verheiratet, importierte nicht selbst, zahlte etwa 50% Steuern und hatte erst nach 6 Jahren die erste Million DM ( und das Gefühl, vieles falsch gemacht zu haben). Da waren die anderen schon alle im Ausland.
    Geschieden war ich inzwischen auch.

    Meine persönliche Einschätzung, dass die PCs nach 5 Jahren wie die Homecomputer in der Versenkung verschwinden, war wohl falsch.

    Ich habe viele kennengelernt, die auf kurzfristige Hypes voll eingestiegen sind und viel Geld verdient haben (Windsurfen, Rollerskates, Inlineskates, High End Stereo, 10er Pack Wohnmobile kaufen mit enormem Rabatt, vermieten, und wieder verkaufen mit Gewinn. Da muss man rechtzeitig aussteigen, so der Hype vorbei ist.

    Norbert

  6. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: twothe 14.01.19 - 15:51

    Danke, viel gelernt beim Lesen. =)

    ExperiencedFreelancer schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Meine Vorhersage: War schon mal so, das gibt sich, sobald der Druck mangelnder Expertise hoch genug wird.

    Das hatte mich im Fall Rewe-Systems auch sehr geärgert, die ja nach einem kleinen "Angriff" durch den Konkurrenten Obi alle Externen entlassen haben. Ich glaube wenn die stattdessen mal kurz im Ministerium angerufen hätten, und da die rechtliche Situation und den möglichen finanziellen Schaden daraus beklagt hätten, dann hätte man dort sicher eine Lösung gefunden das Gesetz so zu korrigieren, dass es weniger Probleme verursacht. "IT-Standort Deutschland gerettet" hätte sich die SPD doch bestimmt nur zu gerne auf die Fahne geschrieben.

  7. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: .02 Cents 17.01.19 - 16:09

    Die Entwicklung der Sätze hängt auch stark von der persönlichen Entwicklung ab. Ich mache über 20 Jahre Projekte im Bereich Datenintegration. Da sind die Sätze für ETL Entwickler, Tester etc. Bis 2018 habe ich in den letzten 10 Jahren überwiegend stagnierende Sätze gesehen - über 90 Eur All in eher die Ausnahme. Das scheint aber mittlerweile besser zu werden.

    Was aber hauptsächlich meinen eigenen Satz angehoben hat waren Aufgaben im Konzeptionellen und administrativen Bereich. Das hat mit Fortbildung, etwas Glück zu tun, aber auch damit, das ich zwischenzeitlich ein paar Jahre bei einem renommierten Consulter fest angestellt war und dort technische Leitung / Architektur Aufgaben inkl. Zertifizierung und einem Arbeitszeugnis, das sich in den Unterlagen ganz gut macht.

    Nach meiner Erfahrung korreliert das deutlich besser mit Umsatzsteigerung, als die x. Programmier / DBA / u.ä. Zertifizierung. Ausnahmen sind wirkliche Spezialisten Skills wie bestimmte SAP Module (insbesondere gepaart mit etwas prozess / fach know how), oder vor ein paar Jahren sehr in mode gewesen MDM mit entsprechenden Tools - wer da die passende Kombination nachweisen konnte, konnte auch deutlich höhere Sätze bekommen.

    Problem mit Spezialistentum: hohe Sätze ziehen Leute an, so dass Angebot und Nachfrage eingreifen. Und je kleiner und spezifischer der Markt, je schwieriger wird es mit dem Anschlussprojekt. Weiteres Risiko: Bsp OWB Oracle Warehouse Builder wurde von Oracle von iirc oracle 8 bis 10 ziemlich gepzshtvals ETL Tool, dann aber mit 11 oder 12 komplett eingestellt. Einige Jahre konnte man gut Projekte finden mit diesem Tool Skill, dann gab es noch einige Zeit Migrations-Projekte und Betrieb / Wartung Altlasten. Mittlerweile taugt der Skill nur noch für weisst du noch damals Unterhaltungen

  8. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: freebyte 21.01.19 - 22:41

    ExperiencedFreelancer schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Auszahlen tue ich mir als GmbH-GF in der Regel nur 7,5 k¤/Monat sowie eine
    > jährliche fixe prozentuale Tantieme des GmbH-Gewinns.

    7,5k¤ Bruttolohn (also mit allen vermögenswirksamen Leistungen)?

    Ich habe in ähnlicher Situation meinen Umsatz auf 120k limitiert und davon noch 30k pa gespendet weil ich irgendwie in Erinnerung hatte, dass so ein Einzelunternehmen wie bei Dir (ok, bei mir noch 2x 400¤ Pauschalen) das FA dem GF nur einen recht kleinen Betrag in der Kante von 4.000 EUR zugesteht.

    Sind die 7.5k¤ schonmal geprüft worden (LST/Bücher)?

    Danke!
    fb

  9. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: notnagel 23.01.19 - 22:52

    twothe schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Danke, viel gelernt beim Lesen. =)
    >

    Kann mich dem nur anschliessen, das Danke geht an alle die so ausführlich hier berichtet haben!

  10. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als IT-Freelancer

    Autor: Sohy9n 25.01.19 - 12:46

    Ich habe mich jetzt extra hier angemeldet, um mich für diesen tollen Bericht zu bedanken!
    Vielen Dank!

    Eine Frage habe ich dazu. Was bringt es, Geld in der GmbH zu belassen. Die GmbH ist ohne Dich ja quasi wertlos. Man kann den Betrieb also später nicht wirklich verkaufen, oder?

  11. Dank, Antworten und ein Rant

    Autor: ExperiencedFreelancer 26.01.19 - 16:05

    Vielen Dank für das positive Feedback, und dies trotz des späten Zeitpunkts meines Beitrags. Es freut mich, wenn ich weiterhelfen konnte, und vielleicht dem einen oder anderen einen Denkanstoß geben kann.
    Sorry für die Tippfehler, es scheint mir so, als sähe Golem keine Möglichkeit vor, Beiträge zu editieren.

    Es wurden ein paar Fragen gestellt:

    > 7,5k¤ Bruttolohn (also mit allen vermögenswirksamen Leistungen)?
    7,5k¤/Monat Bruttogehalt.
    Weitere Gehaltsbestandteile: ca. 1.800¤/Jahr betriebliche Rentenversicherung; 44¤/Monat Sachbezüge (§ 8 Abs, 2 Satz 11 EstG) sowie die erwähnte Tantiemen auf den GmbH-Gewinn (genauen Prozentsatz weiß ich gerade leider nicht). Macht alles zusammen so um die 100k¤/Jahr. Kein Firmenwagen, brauch ich nicht.

    > ich irgendwie in Erinnerung hatte, dass so ein Einzelunternehmen wie bei Dir
    > das FA dem GF nur einen recht kleinen Betrag in der Kante von 4.000 EUR zugesteht.
    Nein, das ist so verallgemeinernd mit Sicherheit inkorrekt.
    Die Angemessenheitsprüfung ist potentiell komplex und füllt juristische Fachbücher, aber ich bin noch deutlich auf der sicheren Seite. Einer der Gründe ist eine eigentlich damit unverbundene Anmerkung eines anderen Kommentators hier im Thread:
    > Die GmbH ist ohne Dich ja quasi wertlos.
    So ist es. Und genau daraus folgt auch, dass ich für die GmbH sehr wertvoll bin, und es ihr überhaupt erst ermögliche, als juristische Person Gewinn zu erzielen. Auch ein Vergleich zu einem festangestellten Experten ist hilfreich, und deutet tendenziell ebenfalls auf eine Angemessenheit hin. Insgesamt ist es dabei hilfreich, wenn die GmbH möglichst regelmäßig Gewinn macht; im Verlustfall neigt das FA schon eher dazu genauer hinzuschauen.
    > Sind die 7.5k¤ schonmal geprüft worden (LST/Bücher)?
    Meine aktuelle GmbH ist jetzt zwanzig Jahre alt, eine explizite Betriebsprüfung fand bislang nicht statt. Allerdings legt sie wie jede juristische Person ganz brav einen Jahresabschluss vor, in dem selbstverständlich auch die Personalkosten aufgeführt sind. Der JA liegt dem FA vor, denn die GmbH muss ja KSt zahlen. Wegen Umzügen waren bislang FAs in drei Bundesländern damit befasst, es kam nie zu Beanstandungen. Auch mein StB (sehr erfahrener Vollprofi und Freund von mir) sieht diesbezüglich kein Risiko.

    Ich kenne auch persönlich keinen IT-Kollegen, der wegen Unangemessenheit des GF-Gehalts je Ärger gehabt hätte. Ich weiß aber von einem Consultant, der die Angemessenheit seines Luxusautos im Betriebsvermögen nach negativem FA-Bescheid auf dem Klageweg erstreiten musste. Wie so etwas schief gehen kann, sieht man etwa beim BFH-Urteil vom 30.08.06 (XI B 25/06), auch wenn's in dem Fall kein IT-Freelancer war.

    > Was bringt es, Geld in der GmbH zu belassen? Die GmbH
    > ist ohne Dich ja quasi wertlos. Man kann den Betrieb
    > also später nicht wirklich verkaufen, oder?
    Ein Verkauf ist zwar grundsätzlich möglich, aber in aller Regel nicht das Ziel von Solo-Selbständigen mit GmbHs. Das entsprechende Steuer- und Gesellschaftsrecht empfinde ich als recht komplex, deswegen nachfolgend nur ein prinzipieller Anriss:

    Die Pflicht zur persönlichen Besteuerung (also Einkommenssteuer) tritt erst beim Zufluss ins Privatvermögen ein. Diesen Zeitpunkt kann man steuern. Das ist für nahezu alle Gestaltungen der entscheidende Aspekt.

    Hauptvorteil: Zufluss des Geldes zu einem Zeitpunkt, an dem man einem niedrigeren persönlichen Steuersatz unterliegt. Dies wird in aller Regel im Alter der Fall sein (weil man weniger oder gar nicht arbeitet, und/oder von steuerlichen Privilegien profitiert, wie gegenwärtig noch vom "Altersentlastungsbetrag"), kann aber auch etwa für ein Sabbatical-Jahr gelten, wenn man einfach mal Pause machen will. Auch eine Familienvergrößerung stellt eine Option dar.

    Weitere Möglichkeit: Aufbau stiller Reserven, welche selbst auf Gesellschaftsebene erst zum Zeitpunkt der Aufdeckung (also potentiell sehr viel später) versteuert werden müssen. Ein typischer Fall hierfür sind Immobilien im Betriebsvermögen, deren potentielle Wertsteigerungen (zumindest im Allgemeinen) erst zum Verkaufszeitpunkt besteuert werden müssen.

    An das Geld kann man durch verschiedene Möglichkeiten kommen: Man kann etwa länger GF bleiben, möglicherweise ändert sich ja auch der Zweck der GmbH, und sie wird zu einer Vermögensverwaltungs-GmbH. Oder man schüttet schlicht Gewinne an die GmbH-Gesellschafter aus. Oder man vererbt die Gesellschaft. Oder man verkauft die GmbH. Oder man wickelt die GmbH ab.

    Letztere beiden Möglichkeiten sind steuerrechtlich weitgehend identisch, und werden typischerweise steuerlich privilegiert, insbesondere im Alter, etwa durch § 16 Abs. 4 EStG.

    Was auch in Frage kommt: Nach einigen Jahren kann die GmbH dem GF eine Pensionszusage machen (insoweit diese angemessen ist), aber natürlich nur, wenn dies auch wirtschaftlich vertretbar ist, d.h. die GmbH über ein angemessenes Kapital verfügt. Diesbezügliche Regelungen sind mir bislang allerdings zu komplex gewesen, um das für mich tatsächlich zu realisieren. Vor allem aber ist dies wirtschaftlich vor allem in Zeiten hoher Zinsen besonders attraktiv, was bekanntermaßen gegenwärtig nicht der Falls ist.

    Es gibt natürlich noch mehr interessante Möglichkeiten, etwa indem nahestehende Personen angestellt werden. Hier besteht jedoch oft eine ziemliche Nähe zu Gestaltungsmissbrauch oder schlichter Steuerhinterziehung. Ich hab's nie genutzt. Ähnlich dubios erscheinen mir angebliche Vorteile im Falle einer Ehescheidung mit Zugewinnausgleich. Ich braucht's nicht (habe Gütertrennung), aber ich hörte von IT-Kollegen, die diesbezüglich Vorteile sahen. Vielleicht verstehe ich es nicht in Gänze, aber es erscheint mir zumindest fishy….

    Das soll erstmal reichen - hope that helps!

  12. Re: Dank, Antworten und ein Rant

    Autor: ExperiencedFreelancer 26.01.19 - 16:14

    Ich habe noch meinen Rant vergessen:

    Die Mehrzahl der Beiträge in Diskussionen zum Thema "Selbständigkeit als IT-Experte" ist überwiegend frei von Kenntnissen der Realität, aber voller fester, klarer und oft radikaler Meinungen. Nun ist das ja keineswegs irgendwie themenspezifisch (man denke an allgemeine politische Forenbeiträge im Netz), aber viele IT-Kollegen nehmen dies aus welchen Gründen auch immer dennoch für bare Münze.

    Mein ungebetener Rat an Kollegen, die Interesse am Freelancertum haben: Ignoriert erst mal alle anonymen Beiträge im Netz (naja, letztlich also auch diesen...). Sprecht reale, echte und erfahrene Freelancer an, und geht mit denen mal etwas trinken. Wenn in eurem Betrieb keine rumlaufen, dann hört Euch bei Freunden und Kollegen um oder geht zu Freelancer-Stammtischen (gibt nicht viele, aber doch ein paar). Wenn nur offensichtliche Grütze gepostet würde, was soll's, aber vieles ist für einen Außenstehenden nicht als Quatsch erkennbar. Macht Euch selbst ein Bild, aber nicht auf Basis von theoretisierenden Schlaumeiern egal welcher Richtung, sondern von Leutchen, die das in echt und in Farbe erleben. Viel Erfolg!

  13. Re: Echte Erfahrungen aus drei jahrzehnten als ITelancer

    Autor: muhviehstarrr 06.08.19 - 13:03

    danke für deinen Beitrag!

    Leider gibt es wenig Leute (in Deutschland), die derart offen mit Themen wie Gehalt oder diesen umgehen.

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