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Nannte sich bei uns Kugelkopf
Autor: rabbit_70 13.04.23 - 16:36
Das System nannte sich Kugelkopf und gab es später auch von anderen Herstellern.
https://de.wikipedia.org/wiki/Schreibmaschinen-Kugelkopf
Mir war aber nicht bewusst, dass das der Vorläufer des Typenrads war (das man übrigens ebenfalls austauschen konnte), ich dachte, das lief nebenher. -
Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: 1st1 13.04.23 - 18:05
Ich habe einst bei einem einst bedeutenden italienischen Büromaschinen- und PC-Hersteller eine Ausbildung zum Büromaschinenmechaniker und dann als (umbenannt in) Büroinformationselektroniker abgeschlossen. Ihr habt hier also einen Fachmann im Text.
"Kugelkopf" ist richtig, alles andere ist im Deutschen falsch.
Die IBM Selectrix war als Kugelkopfmaschine der Vorreiter, hoch komplex aufgebaut und sehr anspruchsvoll in der Wartung. Ursprünglich waren diese Maschinen rein elektromechanisch, späte Modelle hatten auch schon Elektronik, sogar Magnetbandspeicher für Texte. Die Selectrix konnte an IBM Mainframes elektromechanisch (also mit Elektromagneten zur Ansteuerung der Mechanik) auch als Drucker angesteuert werden, das kann man im Technikum29.de in Kelkheim bei Frankfurt/M life vorgeführt bekommen.
Neben IBM hatten später auch andere Hersteller Kugelkopf-Schreibmaschiunen, wobei die von Triumph-Adler und von Olympia nicht besonders gut liefen. Kürzlich war eine TA SE-2000 in Ebay, das war schon ein Ding, Prozessorgesteuert, mit Display, optional Diskettenlaufwerk, was schon etwas komplexere Textverarbeitung ermöglichte.
Das mechanisch beste Konkurrenzmodell zur IBM Selectrix war die ab 1972 hergestellte Olivetti Lexikon 90, 91, 92, 93 und 94, die Modellreihe hatte eine sehr geschickt durch eine völlig andere, viel robustere Ansteuerung des Kugelkopfes, also ganz ohne empfindliche Drahtseile, die Patente von IBM komplett umgangen. TA und Olympia mussten für ihre Konstruktionen Lizenzen an IBM bezahlen. Auf diese Maschinen von Olivetti habe ich Mitte der 1980er noch eine Schulung im Rahmen meiner Berufsausbildung gemacht, und die Schulungsunterlagen habe ich sogar noch, sogar inzwischen als PDF gescannt. Die Lexikons unterschieden sich technisch stark von den anderen Maschinen, sie war eigentlich vom elektromechanischen Vorgänger Editor (mit Typenhebeln) abgeleitet, aber außer dem beweglichen Wagen mit der Papierwalze und Zeilenschaltung war kaum noch was von der Editor übrig. Die Länderkodierung der Tastatur und des Kugelkopfes erfolgte über ein quasi bitweise arbeitendes mechanisches "PROM". Das Top-Modell Lexikon 94C hatte Proportionalschrift mit Blocksatzunterstützung und Lift-Off-Cover-Up-Korrektur. Die Lexikon wurde aber nie mit Elektronik ausgestattet, obwohl zur Ansteuerung aller Funktionen des Druckwerks nur 8 Elektromagnete genügt hätten, statt dessen verwendete Olivetti für seine Computer in den 1970ern als Drucker den elektromechanischen Typenhebel-Vorgänger Tekne/Editor 3 (Programma P203) und Editor 4ST (Programma P652).
Olivetti war dann 1976 bzw. 1978 der erste Hersteller, der mit dem Schreibautomat TES 501 und dann eben 2 Jahre später mit der TES 401 und ET 101 die ersten elektronischen Typenradschreibmaschinen der Welt verkauften. TA und Olympia stritten sich dann 1980 auf der CeBit darum, wer von beiden die erste Typenradschreibmaschine der Welt eingeführt hatte, während Olivetti auf der selben Messe schon mit der ET 201 und ET 221 die zweite Generation elektronische Typenrad-Büroschreibmaschinen und mit der Praxis 30 / 35 die erste portable Typenradschreibmaschine (übrigens mit einem Microprozessor der ursprünglich von Olympia entwickelt wurde, aber dann von Fairchild bzw. Mostek produziert wurde) vorstellten. 1982 hängte dann Olivetti mit der ETV 300 einen CP/M-Rechner an die Büroschreibmaschine ET 121 und ET 225 und hatte so ein komplettes Textverarbeitungssystem im Angebot.
IBM brauchte dann noch bis 1985 bis sie mit den Wheelwritern endlich gleichzogen und den Kugelkopf durch Typenräder ablösten.
Die meisten Typenradschreibmaschinen von Olivetti, auch ETV Textverarbeitungssysteme, die ich hier genannt habe, und noch viele weitere Modelle, habe ich in meiner Sammlung. https://maschinen-aus-ivrea.blogspot.com/ -
Typenbügel gibts übrigens auch nicht!
Autor: 1st1 13.04.23 - 18:18
Golem sollte sich wohl mal ein Handbuch / Lexikon zum Thema Schreibmaschinen zulegen, und vor Veröffentlichung von Schreibmaschinen-Artikeln da rein schauen.
Unter anderem gibt es:
- Typenhebel-Maschinen, das ist mechanisch der Klassiker
- Kugelkopf-Maschine, wie hier die IBM Selectrix
- Typenrad-Maschinen, z.b. Olivetti ET Serie
- Schreibwalzen-Maschinen wie die "Mignon"
- Schreibrad-Maschinen wie die "Blickensderfer"
- Schubstangen-Maschinen wie die "Adler No. 7"
- Unteranschlag-Maschinen, meist mit "Volltastatur"
- Thermotransfer-Maschinen, wie die IBM Quietwriter
- Matrixdrucker-Maschinen, wie die Olivetti CWP-1 (ausgewachsenes Textverarbeitungssystem mit Monitor)
- Tintendrucker-Maschinen, wie die Olivetti Jetwriter 900
- und noch ein paar exotische mehr... -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: M.P. 13.04.23 - 18:55
Die Praxis 30 gab es auch als Privileg gelabelt vom Versandhaus - Quelle.
Haben Kommolitonen Anfang der 1980er zum Drucker umgebastelt. Einer hat es übertrieben, und über eine Ready-Erkennung nach dem Drucken eines Buchstaben die Druckgeschwindigkeit so erhöht, dass irgendetwas sich so stark erhitzte, dass es wegschmolz ...
War preiswerter als ein 9-Nadel-Drucker von Epson und hatte ein besseres Schriftbild ...
Die Kommolitonen, die auf Tuning verzichteten hatten die Probleme nicht. Softwares, die ansonsten kursierten setzten auf Timer für den Abstand zwischen den simulierten Tastentdücken ... langsamer, aber auch materialschonender ...
1 mal bearbeitet, zuletzt am 13.04.23 18:57 durch M.P.. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: the_Imperator 13.04.23 - 19:37
1st1 schrieb:
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> Ich habe einst bei einem einst bedeutenden italienischen Büromaschinen- und
> PC-Hersteller eine Ausbildung zum Büromaschinenmechaniker und dann als
> (umbenannt in) Büroinformationselektroniker abgeschlossen. Ihr habt hier
> also einen Fachmann im Text.
>
Hi danke dir für deinen Beitrag! Auch wenn ich, abgesehen von ein paar Kinderbriefen, die ich auf dem Dachboden des Elternhauses auf einer alten Schreibmaschine geschrieben habe keine Erfahrung und keinen Bezug zu Schreibmaschinen habe fand ich deinen Beitrag echt spannend! -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: 1st1 13.04.23 - 19:53
Das man die Druckgeschwindigkeit der Praxis 30 erhöhen kann, nehme ich dir jetzt aber nicht ab. Ich hab die damals zu hunderten repariert. Ich kenne die Maschine.
Ich weiß auch, wie die Ansteuerung mit Schnittstelle bei den Maschinchen funktioniert, ich habe ja ein paar umgebaute aus der Praxis Serie, nämlich über einen Eprom-Sequencer, der an der Tastaturmatrix hängt. Die Praxis 30/35/40/41/45D sind mit ihrem mechanisch sehr aufwändigen Druckwerk sehr gemächlich zugange. Mehr als 10 Zeichen / Sekunde schaffen die nicht. Ich habe die umgebauten Maschinen schon am C64 betrieben, das dauert ewig, da mit Vizawrite einen Brief raus zuhauen. Zum Vergleich, ich habe auch eine ET Compact 60 mit offizieller serieller Schnittstelle, das ist der Nachfolger, immer noch das gleiche Druckwerk, wenn man das auf schneller als 150 Baud (Bits pro Sekunde) stellt, kommt die beim Hämmern nicht mehr hinterher. Dagegen ist meine ETV 260 Bildschirmschreibmaschine (MS-DOS basierend) mit dem ET-Serie Typenrasddruckerk mit 35 Zeichen / Sekunde ein richtiger Renner... -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: ralfbergs 13.04.23 - 20:53
Ich wusste direkt am Anfang aus deiner Schilderung, dass du bei Olivetti gelernt hast. Deine URL mit "Ivrea" drin hat mich dann sehr zum Schmunzeln gebracht. Ich war mehrfach dort, der Campus gehört jetzt meiner Firma...
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Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: ralfbergs 13.04.23 - 20:54
Ich wusste direkt am Anfang aus deiner Schilderung, dass du bei Olivetti gelernt hast. Deine URL mit "Ivrea" drin hat mich dann sehr zum Schmunzeln gebracht. Ich war mehrfach dort, der Campus gehört jetzt meiner Firma...
Ach ja, vielen Dank dafür, sehr interessant! 😁 -
Re: Typenbügel gibts übrigens auch nicht!
Autor: StravaFan 14.04.23 - 01:32
1st1 schrieb:
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> Golem sollte sich wohl mal ein Handbuch / Lexikon zum Thema
> Schreibmaschinen zulegen, und vor Veröffentlichung von
> Schreibmaschinen-Artikeln da rein schauen.
> - und noch ein paar exotische mehr...
Oder Experten wie Du und @Golem setzen sich mal zusammen, Golem laesst ne Pizza springen und dann gibts mal nen schoenen, geilen Artikel, meinetwegen auch 10 Seiten lang. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: bLaSpHeMy 14.04.23 - 07:30
1st1 schrieb:
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> Ich habe einst bei einem einst bedeutenden italienischen Büromaschinen- und
> PC-Hersteller eine Ausbildung zum Büromaschinenmechaniker und dann als
> (umbenannt in) Büroinformationselektroniker abgeschlossen. Ihr habt hier
> also einen Fachmann im Text.
Ich komme aus der Post-Schreibmaschinenzeit, fand deine Beiträge aber sehr spannend! Danke für diesen Einblick! Schön, sowas bei Golem in den Kommentarbereich zu lesen. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: Brennholzverleih 14.04.23 - 07:56
An so ner IBM hab ich damals in der Schule auch noch gesessen im Fach Schreibmaschine. Glaub die hatte so eine beigegrünliche Farbe. Ein echtes Eisenschwein*g*
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Re: Typenbügel gibts übrigens auch nicht!
Autor: AllDayPiano 14.04.23 - 08:42
Ja das wäre doch ein schöner @Golem Retro Artikel.
Und wenn der TO noch so manches daheim stehen hat, dann könnte man auch gleich die passenden Bilder liefern. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: maxule 14.04.23 - 08:47
Wir hatten Anfang der 80er einen Triumph Adler PC, der über eine Gabriele (8008?) Typenradschreibmaschine mit nachgerüsteter V.24 Schnittstelle drucken konnte.
Einen doppelten Joystick-Port hatten wir selber drangebastelt und ein Schreibprogramm hatte mein Bruder im TA-Basic dafür geschrieben.
Kleine Anekdote: als ich mal die Schulordnung mehrfach abschreiben sollte, habe ich die Erlaubnis bekommen, das mit Schreibmaschine schreiben zu dürfen ...
Mein Vater bildete Büromaschinenmechaniker aus und hatte die Servicehandbücher für TA gesammelt. Ich meine, Olivetti war auch dabei. Auf PN-Nachfrage hin würde ich mal nachschauen, was es da noch gibt. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: Sterling-Archer 14.04.23 - 08:53
klassisch deutsch.
da hat einer inzwischen relativ unnützes wissen von vor x jahren und kann es nicht zurückhalten.
alles andere ist im deutschen falsch?
wenn die drei übrigen schreibmaschinennutzer sich einigen das ding pingpongball zu nennen, dann wird das der sprachgebrauch. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: M.P. 14.04.23 - 09:31
Selbst gesehen habe ich das nicht. Vielleicht bin ich damals angeflunkert worden.
Drucker waren damals selten, insbesondere solche mit einem guten Schriftbild.
Vielleicht hatte der Bastler keinen Bock mehr Druckaufträge der Kommolitonen anzunehmen, auch wenn diese Verbrauchsmaterial mitbringen, und er die Reste behalten darf, und der Drucker hat in Wirklichkeit weiterhin funktioniert ...
Auf der anderen Seite können bei so einer Consumer-Maschine natürlich auch 10 Buchstaben pro Sekunde im Dauerfeuer über viele Seiten zu Überhitzungen führen ...
Über die Tastatur wird kaum jemand 600 Zeichen pro Minute von Hand durchgehend über viele Seiten schaffen ... -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: 1st1 14.04.23 - 10:06
Die kleinen Praxis-Maschinen haben einen Tastaturpuffer von 1 Zeile, bei Engschrift 15 und voller Zeilenbreite müssen das ungefähr 120 Zeichen sein, nicht nur wegen Schnellschreibern, sondern damit auch Tippfehler mit dem Korrekturband vollautomatisch gelöscht werden können.
Da all diese Nachrüst-Interfaces über die Tastaturmatrix drucken, landet der ganze Text eben in diesem Puffer, aus dem der Tastatur-Prozessor die Daten nach und nach an den zweiten Prozessor, der das Druckwerk steuert, weiter gibt. Das ist auch bei der Praxis 41 (ich suche noch eine) so, obwohl da die Schnittstelle serienmäßig ist.
Beschleunigen kann man das nicht, weil das Druckwerk nicht mehr kann, der Anschlaghammer wird zum Beispiel durch eine Zugfeder "abgeschossen" und ein rotierender, von einem Gleichstrommotor angetriebener Excenter zieht den Anschlaghammer wieder zurück, und hebt und transportiert das Farbband und das Korrekturband, diese Funktionen werden jeweils über zusätzliche Elektromagneten ausgelöst. Bei den Maschinen ist der Druckkopf mechanisch sehr aufwändig aufgebaut, kein Vergleich zu den späteren Modellen wie der Praxis 100... Da ist auch nichts zu beschleunigen, denn die Anschlaggeschwindigkeit hängt von der Versorgungsspannung dieses "Service-Motors" ab... Ähnlich auch beim Drehen des Typenrades, das ist auch ein Gleichstrommotor, der mittels einer "Strobescheibe" überwacht und gesteuert wird. -
Re: Typenbügel gibts übrigens auch nicht!
Autor: 1st1 14.04.23 - 10:10
Bilder sind gewünscht?
Viel Spaß... https://forum.classic-computing.de/gallery/index.php?album/5-sammlung-von-1st1-olivetti/
Auch für Tastaturfetischisten hab ich was... https://forum.classic-computing.de/forum/index.php?thread/26452-olivetti-pc-tastatur-%C3%BCbersicht-olivetti-keyboard-overview/ -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: maxule 14.04.23 - 10:19
M.P. schrieb:
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>
> Auf der anderen Seite können bei so einer Consumer-Maschine natürlich auch
> 10 Buchstaben pro Sekunde im Dauerfeuer über viele Seiten zu Überhitzungen
> führen ...
>
> Über die Tastatur wird kaum jemand 600 Zeichen pro Minute von Hand
> durchgehend über viele Seiten schaffen ...
Aus der Erinnerung heraus würde ich schätzen, dass es etwa 4 bis 8 Zeichen pro Sekunde waren. Kaum vorstellbar, dass man da noch etwas hätte beschleunigen können. Das ging aber bidirektional mit nur kurzen Pausen für den Zeilenvorschub. -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: M.P. 14.04.23 - 11:02
Es gibt zwei Methoden, zu vermeiden, dass man diesen Puffer "überrennt".
1) Ansteuerung der Tastenmatrix mit konstanter Geschwindigkeit, die etwas unterhalb der worst case Ausgabegeschwindigkeit liegt. Das war, soweit ich mich erinnere die übliche damalige Methode, die in den Fachzeitschrifts-Listings zu sehen war ...
2) Auslesen von irgendwelchen Indikatoren aus der Schreibmaschine, die den Füllstand des Puffers, oder den "Fertig" Zustand der vorigen Aktion berücksichtigen.
Bei 1) kann man nicht an die maximal mögliche Geschwindigkeit des Druckwerkes herankommen... -
Re: Das heißt Kugelkopf - und nicht anders!
Autor: 1st1 14.04.23 - 11:18
Zu 2: Und wie willst du an diese Indikatoren heran kommen? Wenn der Puffer voll ist, nimmt sie schlicht keine Eingaben mehr entgegen. Daher macht Variante 1 mehr Sinn, inklusive warten bis der Druckkopf bei CR wieder am Zeilenanfang ist.



