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Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Tockra 19.10.23 - 07:54
Für die Arbeit im Homeoffice ist ein hohes Maß an Vertrauen erforderlich. Bei meinem letzten Arbeitgeber kam mir oft der Gedanke, dass einige Kollegen möglicherweise nur 7 statt der vertraglich festgelegten 8 Stunden täglich gearbeitet haben. Hinzu kam, dass sie zwischendurch zeitweise nicht erreichbar waren. Obwohl es schwer nachweisbar ist und es nicht zu meinen Aufgaben gehörte, solche Vermutungen zu überprüfen, fiel mir diese Tendenz bei mehreren Kollegen auf.
Es gibt immer Personen (ich habe das bisher von 2 befreundeten Managern gehört, mit denen ich allerdings nie gearbeitet habe), die argumentieren: "Solange die Arbeit erledigt wird, ist alles in Ordnung." Diese Sichtweise erscheint mir jedoch etwas realitätsfern. Ich vermute, dass diejenigen, die so argumentieren, oft ihr eigenes Verhalten im Homeoffice oder am Arbeitsplatz rechtfertigen wollen. In vielen Arbeitskontexten gibt es keine klaren Tages- oder Wochenziele, und oft sind diese Ziele gemeinsame Teamziele. In Scrum beispielsweise hat man einen Backlog, der nach 2 Wochen fertig sein muss. Wenn ich also das Gefühl habe, meinen Beitrag geleistet zu haben und eine Stunde früher Feierabend mache, verlagere ich im Endeffekt die Verantwortung auf meine Teamkollegen. Hinzu kommt, dass diese Argumentation oft zugunsten des Mitarbeiters dargestellt wird. Aber wie viele würden tatsächlich länger arbeiten, wenn sie ihren Zielen hinterherhinken? Und das ohne Überstunden zu berechnen oder später freizunehmen? Ich glaube, nur wenige wären dazu bereit. Warum sollte es dann aber umgekehrt akzeptiert werden?
@Edit: Ach ja dieser Beitrag wurde geschrieben im Homeoffice, während meiner Arbeitszeit.
1 mal bearbeitet, zuletzt am 19.10.23 07:55 durch Tockra. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: dr.house 19.10.23 - 08:07
Tockra schrieb:
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> Für die Arbeit im Homeoffice ist ein hohes Maß an Vertrauen erforderlich.
> Bei meinem letzten Arbeitgeber kam mir oft der Gedanke, dass einige
> Kollegen möglicherweise nur 7 statt der vertraglich festgelegten 8 Stunden
> täglich gearbeitet haben.
Von was für einem Beruf reden wir? Ich kenne z.B. nur wenige Programmierer, die es schaffen 8 Stunden produktiv zu sein. Gerade bei anspruchsvollen Aufgaben kann es sich ein Arbeitgeber nicht leisten, die Mitarbeiter zu verheizen. Das sollte man seit der Erfindung der Microsoft-Krankheit eigentlich gelernt haben, als gestandene Programmierer vergaßen, wie man programmiert. Selbst bei Microsoft in Japan, einem Land, in dem es nicht unüblich ist, im Büro unter dem Tisch, oder in Kapselhotels zu nächtigen, testete man erfolgreich die 4-Tage-Woche und stellte dabei sogar eine Produktivitätssteigerung von 40% fest. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Termuellinator 19.10.23 - 08:24
Tockra schrieb:
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> Es gibt immer Personen (ich habe das bisher von 2 befreundeten Managern
> gehört, mit denen ich allerdings nie gearbeitet habe), die argumentieren:
> "Solange die Arbeit erledigt wird, ist alles in Ordnung." Diese Sichtweise
> erscheint mir jedoch etwas realitätsfern.
Realitätsfern scheint mir eher die Annahme, Leute, die im HO nicht arbeiten wollen würden im Büro nicht genauso Wege finden, nicht zu arbeiten ;)
Im Büro ist es gleich doppelt problematisch, weil diese Wege nicht selten beinhalten, andere von der Arbeit abzuhalten... -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Tockra 19.10.23 - 08:27
Termuellinator schrieb:
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> Realitätsfern scheint mir eher die Annahme, Leute, die im HO nicht arbeiten
> wollen würden im Büro nicht genauso Wege finden, nicht zu arbeiten ;)
> Im Büro ist es gleich doppelt problematisch, weil diese Wege nicht selten
> beinhalten, andere von der Arbeit abzuhalten...
Ich unterstelle den Leuten aber keinesfalls Vorsatz. Schlechte Gewohnheiten schleichen sich nunmal im HO, wo es (vermutlich) niemand mitbekommen kann, deutlich leichter ein als im Büro.
Die Frage, ob das gleiche Verhalten im Büro stattfinden würde, kann man eigentlich recht einfach mit nein beantworten. Selbst wenn man krampfhaft versucht seine Zeit mit Gesprächen mit den Kollegen zu füllen, so hat das vermutlich für das Unternehmen einen deutlich größeren Mehrwert, als wenn ich in der gleichen Zeit meine Wasch- oder Spülmaschine ausräume.
1 mal bearbeitet, zuletzt am 19.10.23 08:28 durch Tockra. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: dirk_diggler 19.10.23 - 08:30
Gibt wie immer positive und negative Beispiele.
Ein Kumpel von mir muss einfach nur Stumpf Unterlagen wie Rechnungen auf Plausibilität prüfen und absegnen.
Er sagt in der Firma schaffte er immer so 60 bis 80 Fälle.
Im home office schafft er 80 bis 100. Macht aber neben der Arbeit noch die Wäsche, kocht sich was zu essen und und wäscht auch gleich ab. Macht also Dinge die er eigentlich nicht darf. Trotzdem ist es für die Firma ein Mehrwert.
Gegenbeispiel von einer Freundin. Bei einer Arbeitskollegin war ständig besetzt. Als Witz meinte sie mal in der Pause die ruft sich bestimmt immer selber an.
Chef hat das gehört, und 2 Wochen später hatte sie ihre Kündigung. Tatsächlich hatte sie sich mehrmals die woche für mehrere Stunden am Tag mit ihrem eigenen Handy angerufen damit besetzt ist.
1 mal bearbeitet, zuletzt am 19.10.23 08:32 durch dirk_diggler. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Termuellinator 19.10.23 - 08:35
Tockra schrieb:
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> Selbst wenn man krampfhaft
> versucht seine Zeit mit Gesprächen mit den Kollegen zu füllen, so hat das
> vermutlich für das Unternehmen einen deutlich größeren Mehrwert, als wenn
> ich in der gleichen Zeit meine Wasch- oder Spülmaschine ausräume.
Zum einen gibt es neben Gesprächen noch genug andere Wege, unproduktiv zu sein - zum anderen halte ich diese Annahme, dass jedes Tratschen im Büro dem Unternehmen einen Mehrwert bieten würde für völlig absurd.
Wie gesagt würde ich oft sogar das Gegenteil behaupten, falls der gestörte Gesprächspartner eigentlich arbeiten wollte und nicht auch zur "Socializing"-Gang gehört...
1 mal bearbeitet, zuletzt am 19.10.23 08:35 durch Termuellinator. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: PaBa 19.10.23 - 08:41
Soweit ich unsere Entwicklerteams kenne, gibt es dort schon alleine deswegen HO, weil wir internationale Kollegen haben. Die können eh nicht in einem Büro sitzen.
Viele kaufmännische Tätigkeiten haben sehr Wohl einen festen Umfang. Ich muss alle Rechnungen des Tages verbuchen, ich muss Ausgangsrechnungen Erstellen, ich muss Gewisse Berichte erstellen, ich muss Gewisse Produkte bestellen,...
Vieles davon erfordert keine durchgehende Erreichbarkeit.
Am Ende ist das eine Führungsaufgabe. Ich muss als Führungskraft irgendwie messen können, ob meine Mitarbeiter ihre Ziele erreichen, oder nicht. Da gibt es Aufgeben, die einfacher zu prüfen sind, und Aufgaben, die schwieriger zu prüfen sind. Reine Anwesenheit ist weder im Büro noch im HO ein Garant für Produktivität. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: JE 19.10.23 - 08:45
PaBa schrieb:
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> Reine Anwesenheit ist weder im Büro noch im HO ein Garant für Produktivität.
Das ist der Punkt. Am Ende muss man seinen Mitarbeitern eh vertrauen. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Tockra 19.10.23 - 09:34
JE schrieb:
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> PaBa schrieb:
> ---------------------------------------------------------------------------
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>
> > Reine Anwesenheit ist weder im Büro noch im HO ein Garant für
> Produktivität.
>
> Das ist der Punkt. Am Ende muss man seinen Mitarbeitern eh vertrauen.
Ich bin dennoch der festen Überzeugung, dass auch wenn es Menschen gibt, die produktiver im HO sind, die Tendenz eher dahingeht, dass HO die Unternehmen mehr Geld kostet. Auch wenn es indirekt ist.
Ich denke es gibt keine guten Statistiken darüber, aber das wäre mein subjektives Gefühl.
Dazu kommt, dass Produktivität nicht der einzige Faktor ist. Klar finde ich es cool einen Job zu haben, bei dem man während eines großen Meetings, bei dem man nur zuhören muss, auch mal die Spül- oder Waschmaschine ausräumen kann. Allerdings bietet mir das quasi jede Firma, die solche Meetings und/oder HO anbietet. Sprich am Ende des Tages ist das kein Faktor, der mich wirklich bei diesem Arbeitgeber hält.
Habe ich aber coole Kollegen, sehe sie jeden Tag und unterhalte ich mich häufiger mit denen (ob jetzt in der Mittagspause oder auch mal in der Kaffeepause), dann ist das etwas, was einen stärker an den aktuellen Arbeitgeber binden KÖNNTE. Ich habe in der Vergangenheit oft gesehen, dass Arbeitgeber (warum auch immer) Probleme hatten, ihre Mitarbeiter zu halten. Dabei waren die Arbeitsbedingungen nicht wirklich katastrophal. Aber sicher auch nicht perfekt. Das Gehalt war auch eher Durchschnitt. Wenn man dann keine bindenden Faktoren hat, dann nehmen die Leute nunmal reiß aus. Jetzt kann argumentiert werden, dass man dann einfach diese Arbeitsbedingungen verbessern soll, aber das ist aus unterschiedlichsten Gründen nicht immer so einfach möglich. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Kakiss 19.10.23 - 10:07
Hief helfen schlicht Zielsetzungen, wenn die Ziele erreicht werden ist es am Ende egal in welchem Zeitaufwand die Mitarbeiter jene erreicht haben.
Mitarbeiter die keine genauen Tagesziele haben, haben aber ohnehin oft einen Vertrauensbonus, weil sie sich selbst organisieren können und Aufgaben "suchen".
8 Stunden produktiv ist keiner, wer kennt es denn nicht, dass man sich dann auch mal in einer Aufgabe festgefahren hat gedanklich und nach einer Ablenkung mit frischen Kopf auf einmal auf die Lösung kommt.
Komplett unproduktive Mitarbeiter werden aber auch vor Ort nicht produktiver.
Wie andere erwähnt haben, lenken sie im schlimmsten Fall sogar noch andere ab. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Termuellinator 19.10.23 - 10:39
Tockra schrieb:
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> Dazu kommt, dass Produktivität nicht der einzige Faktor ist. Klar finde ich
> es cool einen Job zu haben, bei dem man während eines großen Meetings, bei
> dem man nur zuhören muss, auch mal die Spül- oder Waschmaschine ausräumen
> kann. Allerdings bietet mir das quasi jede Firma, die solche Meetings
> und/oder HO anbietet. Sprich am Ende des Tages ist das kein Faktor, der
> mich wirklich bei diesem Arbeitgeber hält.
Aber das ist doch was positives für dich als AN? Welchen Vorteil hast du als AN, wenn ein großer Teil deiner Verbundenheit mit dem AG nur darin besteht, dass dieser ein Büro in deiner Nähe hat?
> Habe ich aber coole Kollegen, sehe sie jeden Tag und unterhalte ich mich
> häufiger mit denen (ob jetzt in der Mittagspause oder auch mal in der
> Kaffeepause), dann ist das etwas, was einen stärker an den aktuellen
> Arbeitgeber binden KÖNNTE.
Sorry, aber coole Kollegen sind auch bei Remote-Teams mindestens genauso wichtig. Und ich fühle mich mit diesen mindestens genauso verbunden, wie wenn man jeden Tag im Büro zusammensitzt. Vielleicht sogar noch verbundener, weil es weniger Reibungspunkte mit "nervigen Angewohnheiten" gibt.
Wenn das nicht der Fall ist, dann passt einfach die Kommunikation nicht - das ist allerdings kein Problem des HO, sondern ein Problem der Firmenmentalität. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Norcoen 19.10.23 - 10:51
Quatsch... ob ich jetzt zu Hause ne Stunde auf der Couch Mittagsschlaf mache oder in der Firma im Sanitätsraum auf der Liege kommt aufs gleiche raus
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Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: BSp 19.10.23 - 11:06
Tockra schrieb:
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> Für die Arbeit im Homeoffice ist ein hohes Maß an Vertrauen erforderlich.
> Bei meinem letzten Arbeitgeber kam mir oft der Gedanke, dass einige
> Kollegen möglicherweise nur 7 statt der vertraglich festgelegten 8 Stunden
> täglich gearbeitet haben. Hinzu kam, dass sie zwischendurch zeitweise nicht
> erreichbar waren. Obwohl es schwer nachweisbar ist und es nicht zu meinen
> Aufgaben gehörte, solche Vermutungen zu überprüfen, fiel mir diese Tendenz
> bei mehreren Kollegen auf.
>
> Es gibt immer Personen (ich habe das bisher von 2 befreundeten Managern
> gehört, mit denen ich allerdings nie gearbeitet habe), die argumentieren:
> "Solange die Arbeit erledigt wird, ist alles in Ordnung." Diese Sichtweise
> erscheint mir jedoch etwas realitätsfern. Ich vermute, dass diejenigen, die
> so argumentieren, oft ihr eigenes Verhalten im Homeoffice oder am
> Arbeitsplatz rechtfertigen wollen. In vielen Arbeitskontexten gibt es keine
> klaren Tages- oder Wochenziele, und oft sind diese Ziele gemeinsame
> Teamziele. In Scrum beispielsweise hat man einen Backlog, der nach 2 Wochen
> fertig sein muss. Wenn ich also das Gefühl habe, meinen Beitrag geleistet
> zu haben und eine Stunde früher Feierabend mache, verlagere ich im
> Endeffekt die Verantwortung auf meine Teamkollegen. Hinzu kommt, dass diese
> Argumentation oft zugunsten des Mitarbeiters dargestellt wird. Aber wie
> viele würden tatsächlich länger arbeiten, wenn sie ihren Zielen
> hinterherhinken? Und das ohne Überstunden zu berechnen oder später
> freizunehmen? Ich glaube, nur wenige wären dazu bereit. Warum sollte es
> dann aber umgekehrt akzeptiert werden?
>
> @Edit: Ach ja dieser Beitrag wurde geschrieben im Homeoffice, während
> meiner Arbeitszeit.
Etwas ähnliches ist mir aber auch an mehreren Standorten von Firmen für die ich gearbeitet habe aufgefallen die Angestellten haben im überwiegenden Maß die Pausenzeiten überzogen.
Die Regel war 30 min Frühstückspause 1h Mittag und Nachmittags noch mal ein 15-20min Kaffeepause.
In der Produktion der selben Firmen gab es dagegen eine Pausensirene und Pausenbereiche mit Vendingmaschinen direkt neben der Produktionslinie, damit nur kein Arbeiter zu weit weg läuft von seinem Arbeitsplatz. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: bplhkp 19.10.23 - 12:10
Tockra schrieb:
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> Jetzt kann argumentiert werden, dass man dann einfach diese Arbeitsbedingungen
> verbessern soll, aber das ist aus unterschiedlichsten Gründen nicht immer
> so einfach möglich.
Dann muss man sich anstrengen. Keiner hat gesagt dass es einfach wird. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: henry86 19.10.23 - 14:19
Tockra schrieb:
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> Für die Arbeit im Homeoffice ist ein hohes Maß an Vertrauen erforderlich.
> Bei meinem letzten Arbeitgeber kam mir oft der Gedanke, dass einige
> Kollegen möglicherweise nur 7 statt der vertraglich festgelegten 8 Stunden
> täglich gearbeitet haben.
Ich bin 2018, also vor Corona bereits ins Homeoffice gewechselt. Warum? Weil die Kollegen dort eigentlich den ganzen Tag nur getratscht haben und mich so vom arbeiten abgehalten haben. Das habe ich drei Monate mitgemacht. Danach bin ich zum Chef gegangen und habe gesagt, dass ich fortan nur noch vormittags 2 Stunden da bin und dann von zu Hause arbeite. Nach einigen Tagen bin ich dann auch die zwei Stunden gar nicht mehr ins Büro gefahren. Höchstens einmal die Woche.
Ergebnis war eine massive produktivitätssteigerung. Seitdem ist es für mich auch gar nicht mehr vorstellbar wieder in der Firma zu arbeiten. Zumal die Nachteile des Arbeitens in der Firma inzwischen noch grösser sind als früher. Zu Hause habe ich eine Klimaanlage, im Büro gibt es sowas nicht. Die meisten Arbeitgeber, die ich kenne lehnen das auch ab.
Das bedeutet aber, dass man im Sommer entweder in der Firma bei über 35 ° arbeitet, oder zu Hause bei unter 22. Wo wird man wohl produktiver sein?
> Hinzu kam, dass sie zwischendurch zeitweise nicht
> erreichbar waren.
Wäre für mich ein absolutes Unding. Wenn wir das bei Kollegen öfter erleben, wird das auf jeden Fall angesprochen. In der Arbeitszeit muss Erreichbarkeit garantiert sein.
Verstehe aber nicht was das mit Homeoffice zu tun hat. Das gleiche Problem hat man bei Leuten im Büro ja auch. Tatsächlich würde ich behaupten, dass die Kollegen, die im Büro arbeiten, oft schlechter erreichbar sind, als diejenigen, die im Homeoffice arbeiten.
> Obwohl es schwer nachweisbar ist und es nicht zu meinen
> Aufgaben gehörte, solche Vermutungen zu überprüfen, fiel mir diese Tendenz
> bei mehreren Kollegen auf.
Hast du das denn auch mal bei den Kollegen vor Ort geprüft? Ich kenne aus anderen Firmen auch auf die Situation, dass die Leute sogar auch in der Firma youtube Videos gucken, WhatsApp Nachrichten schreiben oder dergleichen. Ich finde das jetzt generell auch gar nicht schlimm. Das kann man auch gerne tun. Nur muss man dafür eben die Pause nutzen.
Worauf ich hinaus will: deine Kritik kann man eins zu eins auch an Leuten im Büro übertragen.
>
> Es gibt immer Personen (ich habe das bisher von 2 befreundeten Managern
> gehört, mit denen ich allerdings nie gearbeitet habe), die argumentieren:
> "Solange die Arbeit erledigt wird, ist alles in Ordnung."
Das ist ja auch korrekt. Es bringt mir nichts, wenn die Leute im Büro sind und ihre Arbeit nicht erledigen. Genau das erlebe ich aber regelmässig. Im Büro ist einfach die Ablenkung viel grösser. Zumal gibt es den Glauben, man ist ja im Büro, also zählt das ja schon als Arbeit. Aber das tratschen mit Kollegen ist eben keine Arbeit.
> Diese Sichtweise
> erscheint mir jedoch etwas realitätsfern. Ich vermute, dass diejenigen, die
> so argumentieren, oft ihr eigenes Verhalten im Homeoffice oder am
> Arbeitsplatz rechtfertigen wollen. In vielen Arbeitskontexten gibt es keine
> klaren Tages- oder Wochenziele, und oft sind diese Ziele gemeinsame
> Teamziele. In Scrum beispielsweise hat man einen Backlog, der nach 2 Wochen
> fertig sein muss. Wenn ich also das Gefühl habe, meinen Beitrag geleistet
> zu haben und eine Stunde früher Feierabend mache, verlagere ich im
> Endeffekt die Verantwortung auf meine Teamkollegen.
Das ist richtig, wäre im Büro ja aber nicht anders. Wenn man da die letzte Stunde einfach nur noch daddelt statt fokussiert zu arbeiten, dann hat man genau den gleichen Effekt wie wenn wir zu Hause eine Stunde eher aufhört.
> Hinzu kommt, dass diese
> Argumentation oft zugunsten des Mitarbeiters dargestellt wird. Aber wie
> viele würden tatsächlich länger arbeiten, wenn sie ihren Zielen
> hinterherhinken? Und das ohne Überstunden zu berechnen oder später
> freizunehmen?
Wieso sollte man länger arbeiten ohne Überstunden zu berechnen? Macht man das in der Firma? Wäre mir neu.
> Ich glaube, nur wenige wären dazu bereit. Warum sollte es
> dann aber umgekehrt akzeptiert werden?
Soll es gar nicht. Zeit, die man nicht arbeitet, sollte man auch nicht berechnen? Egal ob im Büro oder zu Hause.
Aber genau, das ist ja die Kritik. Nur weil man im Büro ist bedeutet das nicht automatisch, dass man arbeitet. Aber bürozeit wird derzeit immer als Arbeitszeit gesehen, was einfach völliger Quatsch ist.
>
> @Edit: Ach ja dieser Beitrag wurde geschrieben im Homeoffice, während
> meiner Arbeitszeit.
Kenne auch Leute, dir in der bürozeit auf Golem Beiträge verfassen.
Also ja, die Kritik an Menschen, die ihre Arbeitszeit mit anderen Tätigkeiten verbringen, teile ich voll. Was ich nicht Teile, ist den Glauben, dass im Büro mehr gearbeitet wird. Im Gegenteil. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: henry86 19.10.23 - 14:33
Tockra schrieb:
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> Ich bin dennoch der festen Überzeugung, dass auch wenn es Menschen gibt,
> die produktiver im HO sind, die Tendenz eher dahingeht, dass HO die
> Unternehmen mehr Geld kostet.
Ich behaupte genau das Gegenteil. Selbst wenn wir unterstellen, dass die Leute in der Firma produktiver wären, dann würde ich immer noch behaupten, dass die Firmen durch Homeoffice enorm viel Geld sparen. Warum? Gehen wir davon aus, dass im Homeoffice 20 % weniger gearbeitet wird. Aber im Gegenzug sparen die Firmen auf den Arbeitsplatz im Büro ein und das sind enorme Kosten. Miete, Strom und Wärme allein dürften die 20% schon kompensieren.
Gesellschaftlich wiederum profitieren wir auch alle davon. Weniger Verkehr, weniger CO2 ausstoss, weniger feinstaubbelastung.
Allerdings bin ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrung der festen Überzeugung, dass die Leute im Homeoffice auch produktiver sind. Und zwar um mehr als 30 bis 50 %.
> Auch wenn es indirekt ist.
> Ich denke es gibt keine guten Statistiken darüber, aber das wäre mein
> subjektives Gefühl.
Alles, was ich bisher von dir gelesen habe, war letztenendes, dass die Faulheit zu Hause siegt. Mich würde jetzt noch interessieren, warum du glaubst, dass das in der Firma nicht passiert. Meine Erfahrung sagt da was ganz anderes.
>
> Dazu kommt, dass Produktivität nicht der einzige Faktor ist. Klar finde ich
> es cool einen Job zu haben, bei dem man während eines großen Meetings, bei
> dem man nur zuhören muss, auch mal die Spül- oder Waschmaschine ausräumen
> kann.
Da reden wir über Produktivität und du sprichst von Meetings? Wenn es große produktivitätskiller gibt, dann sind das Meetings in denen jemand nichts zu sagen hat. Bei mir gilt die faustregel: Meetings mit mehr als drei Leuten sind in der Regel relativ sinnfrei.
Auch etwas was bei mir die Produktivität im Homeoffice gesteigert hat. In der Firma gab es fast täglich Meetings mit fünf bis zehn Leuten. Einfach nur, weil die halt gerade greifbar waren. Aber wenn in solchen Meetings, da nur ein oder zwei Leute was sagen, dann macht es keinen Sinn, die anderen drei bis acht Leute vom arbeiten abzuhalten.
> Allerdings bietet mir das quasi jede Firma, die solche Meetings
> und/oder HO anbietet. Sprich am Ende des Tages ist das kein Faktor, der
> mich wirklich bei diesem Arbeitgeber hält.
> Habe ich aber coole Kollegen, sehe sie jeden Tag und unterhalte ich mich
> häufiger mit denen (ob jetzt in der Mittagspause oder auch mal in der
> Kaffeepause), dann ist das etwas, was einen stärker an den aktuellen
> Arbeitgeber binden KÖNNTE. Ich habe in der Vergangenheit oft gesehen, dass
> Arbeitgeber (warum auch immer) Probleme hatten, ihre Mitarbeiter zu halten.
Wenn die ähnlich misstrauisch waren, wie du, könnte ich mir gut erklären, warum die es schwer hatten, ihre Mitarbeiter zu halten. Mitarbeiter hält man heute nicht mehr nur über Lohn, sondern vor allem auch über Motivation und Sinnhaftigkeit. Wenn ein Mitarbeiter an den Sinn der eigenen Tätigkeit glaubt, dann musst du den nicht mehr überwachen, dann wird er von ganz alleine, sich dransetzen und seine Arbeit erledigen.
> Dabei waren die Arbeitsbedingungen nicht wirklich katastrophal. Aber sicher
> auch nicht perfekt. Das Gehalt war auch eher Durchschnitt. Wenn man dann
> keine bindenden Faktoren hat, dann nehmen die Leute nunmal reiß aus. Jetzt
> kann argumentiert werden, dass man dann einfach diese Arbeitsbedingungen
> verbessern soll, aber das ist aus unterschiedlichsten Gründen nicht immer
> so einfach möglich.
Nein, man muss den Leuten Sinn bieten. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Hallonator 19.10.23 - 14:45
dirk_diggler schrieb:
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> Tatsächlich hatte sie sich mehrmals die woche für mehrere Stunden am Tag
> mit ihrem eigenen Handy angerufen damit besetzt ist.
Nice :D -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: melogit 19.10.23 - 16:05
Ich kenne einige Kollegen die absolut pro Büro sind, aus Gründen der Produktivität. Das sind dann auch die Leute, die den halben Tag lang mit ernster Miene Kästen auf dem Desktop ziehen, oder im Netz surfen und am Ende des Tages so tun, als hätten wie viel gemacht.
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Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Landorin 19.10.23 - 16:24
Meine Güte. Ich scheine bei sowas immer zu einer absoluten Minderheit zu gehören. Selbst wenn meine Kollegen eine Stunde oder so weniger arbeiten. Ja und? Ich freue mich sogar für die und gönne es ihnen. Umgekehrt würde ich mich ja auch freuen, früher Schluss zu machen. Wenn Leute vor mir im Büro schon wesentlich früher nach Hause gehen, wünsche ich denen auch einen schönen Feierabend und freue mich für sie, stelle mir dabei das Gefühl vor, wie es für sie ist, in dem Moment nach Hause zu gehen (ggf. arbeitet die Person später ja sowieso noch was, sollen die das jedes Mal vorher ankündigen?).
Ich hab das noch nie verstanden. Ist das dann Neid, allgemeine Missgunst oder was anderes? Seitdem ich mehr Flexibilität im Job habe, habe ich damit echt kein Problem mehr. So hat jeder seine Tage, wo er mal früher Feierabend oder Überstunden macht. Und hey, wer bin ich, dass es mich zu interessieren hat, wann die anderen ihre Arbeit erledigen? Das sollte höchstens meinen Vorgesetzten interessieren. Ausnahme wäre, wenn man auf die Kollegen entsprechend angewiesen ist und einen ausbremsen oder dauernd hängen oder einem die Arbeit überlassen. Aber das versteht sich von selbst. In einem Job hatten manche Leute nichts besseres zu tun, als andere zu beobachten, was auf dem Bildschirm abgeht. Prompt meinten einige, den Teamleitern zu erzählen, dass da einer Youtube guckt. Stellte sich dann raus, dass die Person Mittagspause am Platz gemacht hatte. Ende vom Lied: Zettel an den Bildschirm, dass man gerade Mittag macht. Kindergarten. Hätten ein paar von denen mal so viel Fleiß in ihre eigene Arbeit gesteckt...
Im HO finde ich es allerdings wichtig, dass man erreichbar bleibt. Lege ich persönlich enorm viel Wert drauf, seitdem ich vor langer Zeit erlebt hatte, wie es ist, wenn Kollege X fast nie erreichbar war und ohne ihn das Problem nicht zu lösen war und es auch seine Aufgabe war, für die Lösung zu sorgen (und auch nur er das machen konnte).
Speziell HO: die Leute machen im Büro sooo viel nebenbei was anderes. Alleine Quatschen und Mittagspause frisst Zeit ohne Ende. Bin jedes Mal überrascht, wie viel Zeit sich die Leute beim Mittagessen lassen (teils 1.5h). Also sooo viel produktiver kann das wohl auch nicht sein. Da ist fast so viel Ablenkung wie zuhause, wenn nicht sogar mehr. Aber ich stimme dem Spruch zu (und auch mein Vorgesetzten): solange die Arbeit rechtzeitig erledigt wird, ist de Rest egal. Das hat in der Tat was mit Eigenverantwortung zu tun. Sowohl im Büro als auch zuhause. Diese Möglichkeit sollte jeder haben. Ansonsten kann er sich schlecht weiter entwickeln. Wenn dieser Ausgleich insgesamt zufriedener macht, ist es auch besser für das eigene Team.
Diese ganze Stundensichtweise finde ich einfach nur unproduktiv. Am Ende sollte doch das Ergebnis zählen. Ob ich dafür 30 oder 40h gebraucht habe, ist doch egal. Wenn mir danach ist, frage ich nach mehr Aufgaben, was ich auch gerne nutze. Umgekehrt kann man, wenn man sich auf die 40h versteift, auch einfach die Aufgaben unnötig in die Länge ziehen. Sowas habe ich auch oft genug mitbekommen.
5 mal bearbeitet, zuletzt am 19.10.23 16:32 durch Landorin. -
Re: Vertrauen und Verantwortung im Homeoffice: Eine kritische Betrachtung
Autor: Marconry 20.10.23 - 00:03
Tockra schrieb:
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> Ich bin dennoch der festen Überzeugung (...)
> (...) das wäre mein subjektives Gefühl.
Aus meiner Sicht ist das der eigentliche Knackpunkt.
Entgegen dem was du (nicht) glaubst gibt es eine ganze Menge von Erkenntnissen zum Thema Arbeit, insbesondere die der "Office Workers". Allein das Umfrageergebnis aus dem Artikel lautet umformuliert "91,7% von 9.000 befragten Firmen erwarten gleichbleibende oder bessere Produktivität im Homeoffice". Natürlich darf das nicht zu einem reinen "Argumentum ad populum" werden und man sollte die Begründung für diese Einschätzung berücksichtigen. Trotzdem: Alle Erkenntnisse zusammen ergeben das recht klare Bild, dass die Gegenposition nicht haltbar ist.
Aber Gefühle tendieren eben manchmal dazu nicht den Fakten zu folgen. Deswegen ist aus meiner Sicht die Frage, woher dein gegenteiliges "subjektives Gefühl" kommt und ob du etwas dagegen tun möchtest.



