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Ein paar Wahrheiten über Googlecar
Autor: lemgold 26.06.15 - 14:41
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie die Leute BLIND einem Trend hinterherrennen, ohne sich mit den Grundlagen zu beschäftigen.
Die Technik von Googlecar basiert auf zwei Faktoren:
a) einer sehr genauen Vermessung der Straßen, bis runter in den Dezimeterbereich. Googlecar braucht sehr gute Karten, weitaus genauer als GPS. Das kann man machen, aber das muß man halt auch machen. Und das kostet Geld, wenn man ständig Meßfahrten machen muß, um die Karten genau und aktuell zu halten. Kein unlösbares Problem, aber man sollte das doch erwähnen.
b) Für die Navigation verwendet Google ein LIDAR. Dieses System funktioniert, aber es ist aberwitzig teuer. Das LIDAR alleine kostet 70.000$, der komplette Umbau eines Fahrzeugs auf autonom aktuell 120.000$ (+Fahrzeugpreis). Und hierbei sind R&D-Kosten von ca. 800 Mio.$, die Google da bislang in das Projekt gesteckt hat, noch nicht inkludiert.
Entwicklungskosten kann man über Millionenstückzahl strecken, das ist nicht das Problem. Die Skalen kriegt man in der Massenproduktion schon hin. Computers und Aktuatoren: Das kriegen wir preislich in der Massenfertigung auch noch von 50.000 auf 5.000 runter. Bleibt dieses BESCHISSENE LIDAR. Das Ding ist sauteuer. Und es wird auch in der Masse nicht wirklich billig. Da beissen sich die Buchhalter grade die Zähne dran aus, es ist einfach nicht darstellbar. Selbst wenn man völlig neue Produktionsstraßen für LIDAR in China hochziehen würde, man kriegt den Preis nicht auf vernünftiges Niveau. Kost der Eumel vielleicht keine 70.000$ mehr, sondern nur noch 50.000$. Immer noch sehr teuer. Und v.a. ZU teuer.
Das LIDAR ist das Problem an Googlecar. Und nun die Weiterungen:
c) DESWEGEN setzen die deutschen und Japanischen Automobilbauer auch nicht auf Laserradar. Sondern auf Kameras. Kameras sind halt viel, viel billiger, als so ein LIDAR. Die Idee dahinter ist, daß man soviel wie möglich mit billigen Cams macht und vielleicht den letzten Rest mit ein paar einfachen Radarsensoren, die ebenfalls billig sind. Auch würden die großen Autohersteller gerne auf die Kondition der sehr genauen Karten (die Googlecar braucht), verzichten. Berlin oder Tokio kann man vielleicht exakt und aktuell vermessen, aber wie sieht das anderswo aus? Da will man ja schließlich auch Autos verkaufen.
d) Google hat einen Technologiedemonstrator geschaffen. Google hat bewiesen, daß es möglich ist. DAS ist das große Verdienst von Google. Das Ganze jetzt in ein marktfähiges Produkt umzumünzen, die harte Kärrnerarbeit. Man arbeitet daran, aber es ist einfach: Nicht so einfach.
e) Löhne. Wenn wir von autonomen Autos reden, müssen wir auch immer über die Löhne der Fahrer von NICHT-autonomen Autos reden. Autofahren kann quasi jeder, es ist keine große Kunst und wird daher auch nirgendwo auf der Welt besonders gut bezahlt. Was jeder kann, ist halt nichts wert. Deswegen kostet 1h Kloputzen weniger, als 1h R&D beim BMW-Ingenieur. Kloputzen kann halt jeder, Motoren designen eben nicht jeder.
Hierbei stellt sich ein großes Problem für das autonome Auto. In sehr vielen Teilen der Welt ist ein humanoider Fahrer schlicht deutlich billiger, als eine Robotkarre.
In Hochlohnregionen wie Island, Norwegen, Schweiz oder Liechtenstein wird meine Autonomkarre wohl billiger sein, als die dort völlig überbezahlten Fahrer. Da mag sich die Investition in autonom rechnen. Aber wie ist das in China? Oder indien?
Dort wo viele Menschen wohnen, dort wo mich ein humanoid-Fahrer 2000$ pro Jahr kostet? Oder sogar weniger?
Will man GLOBAL anbieten, so muß das Autonomfahrzeug auch mit diesen Löhnen konkurrieren können. Es darf nicht teuer sein, als die dortigen Humanoidfahrer. Sondern muß deutlich billiger sein. Zumal die Robotkarre viellleicht von A nach B fährt, aber eben keine Koffer trägt, so wie der indische Taxifahrer...
In Teuerisland verkaufe ich 100 Robotkarren. In Indien verkaufe ich 10 Mio. WENN ich den Preis von indian humanoid driver unterbieten kann. Und genau das kann ich aktuell nicht, das kann Google nicht und das kann auch kein anderer..
Genau das ist tacky, tricky. Really mayhem so to speak.
***
Autonomkarre: Ein Mount Everest an Problemen. Hier ihr Sandkastenschäufelchen. Der Problemberg muß abgetragen werden. Ein Bagger wäre sicher hilfreich, aber es gibt keinen Bagger. Höchstens Klappspaten. Und jetzt mach mal.
Das autonome Robotauto wird kommen. Die Vorteile überwiegen die Nachteile letztendlich deutlich. Aber es wird nicht so einfach und so schnell kommen, wie viele gerne denken.
lemgold -
Re: Ein paar Wahrheiten über Googlecar
Autor: der_wahre_hannes 26.06.15 - 15:03
Unser täglich lemgold gib uns heute. Danke. :)
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Re: Ein paar Wahrheiten über Googlecar
Autor: Aslo 26.06.15 - 16:58
Danke für diesen ausführlichen Kommentar.
Aber warum sollte es nicht möglich sein, die Kosten für das Lidar zu senken?
Sorry, bin grad zu faul zu recherchieren... -
Re: Ein paar Wahrheiten über Googlecar
Autor: gollumm 27.06.15 - 15:25
lemgold schrieb:
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> e) Löhne. Wenn wir von autonomen Autos reden, müssen wir auch immer über
> die Löhne der Fahrer von NICHT-autonomen Autos reden. Autofahren kann
> quasi jeder,
Nein, Autofahren wird quasi jedem erlaubt - warum ist mir ein Rätsel. -
Re: Ein paar Wahrheiten über Googlecar
Autor: Anonymer Nutzer 28.06.15 - 09:03
gollumm schrieb:
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> Nein, Autofahren wird quasi jedem erlaubt - warum ist mir ein Rätsel.
Viel schlimmer, es darf sogar jeder in das Internet. Was ein viel größeres Rätsel ist.



