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David Siemens befreit Goliath Deutschland

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  1. David Siemens befreit Goliath Deutschland

    Autor: Rothblum 21.01.05 - 15:10

    Wir schreiben in einer rot-blauen virtuellen Welt das Jahr 2006.
    Wir sind stets voller Zuversicht, immer bestens gelaunt,
    grundsätzlich ist alles was passiert richtig, keiner stürzt ab und
    Deutschland strahlt in allen rosa Schattierungen und alles, aber auch
    wirklich alles, ist gut gut gut.

    Gerhard Schröder hat mit einem fulminanten Wahlerfolg mit 61% der
    Stimmen das Land in einen Aufschrei versetzt. Sein geschmackvoller
    Handstreich durch sein naturdunkles Haar am letzten Wahlabend,
    verbunden mit einem liebevollen Augenzwinkern in die große
    Männerrunde, hatte den Ausschlag gegeben. Die Wahlbeteiligung lag bei
    knapp über 20%. Im Gegensatz zur CDU/CSU, die mittlerweile fast alle
    ihre Wähler mit der Forderung nach einer hundert Stundenwoche
    verloren hatte, konnte die SPD vor allem Beamte, Neubürger aus der
    Türkei, gleichgeschlechtliche Paare, Pensionäre, wohlhabende Juristen
    und Ärzte und Manager aus Großkonzernen fast geschlossen als Wähler
    gewinnen.
    Der vormalige heimliche Berater und persönliche Innovator von Gerhard
    Schröder, Herr von Pierer, ist seinem ausdrücklichen Wunsch
    entsprechend zum ersten TOP-Minister Deutschlands ernannt worden.

    Zu seinen Ressorts gehören das Arbeits-, Sozial-, Finanz- und
    Wirtschaftsministerium.

    Von Pierer hatte Gerhard Schröder zuversichtlich versprochen, dass er
    im Falle seiner Wahl zum Top-Minister, Deutschland und seine Bürger
    wie Siemens und Siemens Mitarbeiter behandeln wolle und durch
    Effizienzprogramme wie Top, Top+ und Top++ eine Abschaffung des
    Arbeitsministeriums durch Abschaffung des entsprechenden
    ineffizienten Klientels sowie des Sozialministeriums kurzfristig
    erreichen könne.
    Zur wahrheitsgetreuen Bekanntmachung seiner Politik wolle er als
    Innovation ein entsprechendes Ministerium einführen. Als deren
    Minister und Ministerialbeauftragte schlage er die Vorstände
    namhafter internationaler Werbe-, und PR-Agenturen vor, mit denen er
    selbst seit Jahren hervorragend und in menschlich allerbester Weise
    zusammenarbeite. Falsche Verlautbarungen von Kritikern sollten mit
    allen Mitteln internationaler Rechtsanwaltskonzerne verfolgt werden
    dürfen.

    Die drei SPD Spitzenpolitiker Gerhard Schröder, Wolfgang Clement und
    Hans Eichel wolle er in dieser Reihenfolge zu Helden des
    Großfinanzkapitals und herausragenden Großunternehmern küren.

    Für sie und ihre Nachfahren werde für immer und ewig, allein schon
    aufgrund ihrer Ruhebezüge, bestens gesorgt sein. Sein Vorgänger im
    Amt, Wolfgang Clement, sei idealtypisch geeignet für seine Nachfolge
    im Aufsichtsrat von Siemens, außerdem werde diese Tätigkeit fürstlich
    honoriert.

    70.000 Arbeitsagenturmitarbeiter könnten sofort - als sein
    persönliches Dankeschön - in kostenneutrale Ich AG’s entlassen
    werden. Sie würden Deutschland auf Anhieb innovativer machen und
    Milliardeneinsparungen für die Großkonzerne ermöglichen. Im Grunde
    hatte er selbst nie einen besonderen Bezug zu dieser Form der
    Personalbeschaffung, aber auch hätten sie ihre Aufgabe nämlich die
    der Bereinigung der Arbeitslosenstatistik durch Verfolgungsbetreuung
    ihrer Kunden bestens erfüllt. Deutschland gelte wieder was in
    Deutschland.

    In seiner Regierungserklärung führt von Pierer nun aus, dass das
    alles nichts neues für ihn sei. Bereits im Schattenkabinett von
    Gerhard Schröder seien alle Weichenstellungen der Bürgerpolitik von
    ihm ausgegangen. Zufrieden sei er auf die von seinem Vorgänger
    eingeleiteten - menschlich gesehen bestens ausgeführten - Maßnahmen,
    öffentliche Outingkampagnen gegen Erwerbslose zu forcieren und sie
    für den notwendigen täglichen Lebensbedarf auch Tag und Nacht alle
    möglichen Arbeiten an allen möglichen Orten und für geringste
    Entlohnungen verrichten zu lassen. Der Einzug deren Nachlass in Folge
    der Erblassung durch HartzIV sei gerechtfertigt, es habe in der
    Weltgeschichte schon immer Zeiten gegeben, in denen die Menschen für
    Nichts gearbeitet, ja sogar für ihre Arbeit noch bezahlt hätten.
    Durch die sinnhafte Einführung eines gesetzlichen Anspruchs und
    zugleich der Pflicht auf eine 1-Stunden Arbeitswoche bei beliebig
    verhandelbarem Stundenlohn konnten Millionen Erwerbssuchende per
    Definition aus jeder veröffentlichten Arbeitslosenstatistik entfernt
    werden. Es herrsche wieder Vollbeschäftigung.

    Die „Mobilisierung“ der in der Arbeitslosenstatistik noch
    Verbliebenen durch Bewerbungsgespräche jeweils weit weg von deren
    Wohnort sei bereits bei Siemens Kündigungen erfolgreich eingesetzt
    und durch höchste Gerichtsinstanzen als rechtsstaatlich bestätigt
    worden. Ausgeklügelte Hitech - Routenplaner könnten regelmäßig
    Jobangebote an den am weitesten vom aktuellen Wohnort entfernten
    Gegenden automatisiert anbieten. Nach dem selbst zu bezahlenden Umzug
    könne sofort unternehmerseits wegen Unfähigkeit und
    persönlichkeitsbedingter Minderleistung - ausdrücklich auch vor
    Arbeitsantritt - gekündigt, mit Geldstrafen abgestraft und die
    Mobilisierung weitergeführt werden. Wer nicht mobil sein und auch
    einmal pro Tag seinen Wohnung wechseln wolle oder aus finanziellen
    Möglichkeiten heraus nicht könne, erbringe in der heutigen Zeit
    keinen Mehrwert für die Siemens-/Wirtschaft.

    Von Pierer erläutert anschaulich, dass je öfter ein Arbeitnehmer pro
    Zeiteinheit gekündigt werden könne, desto mehr Arbeitsgelegenheiten
    könnten pro Zeiteinheit nicht nur angekündigt sondern auch neu
    geschaffen und besetzt werden.

    Deutschland als Jobwunderland, man stelle sich diese Außenwirkung vor
    zum Ruhme der Siemens-/Wirtschaft. Deutschland wäre weltweit Top.

    Als hautnahes Beispiel zeichnet von Pierer einen Diplom-Informatiker,
    der pro Tag einmal gekündigt wird und somit insgesamt 2
    Arbeitsgelegenheiten pro Tag antreten kann, macht insgesamt 12 bei
    einer 6 Tage Woche. 12 Arbeitsplätze pro Informatiker pro Woche. Bei
    ca. einer Million angestellten Informatikern würde diese
    Geschäftsmethode 12 Millionen hochqualifizierte
    Informatik-Arbeitsplätze pro Woche in Deutschland bedeuten. Pro Jahr
    12 Millionen mal 52. Eine geradezu unglaubliche Zahl an
    Arbeitsplätzen pro Jahr und das allein in diesem Feld. Die
    Patentierung dieser Geschäftsmethode sei bereits erfolgt.

    Wer gar aussichtsloseste Bewerbungsgespräche oder Arbeit an allen
    möglichen Orten gegen eine selbst im voraus zu bezahlende monatliche
    Unkostenpauschale ablehne, dokumentiere nur, dass er nicht bereit sei
    Arbeit zu üben und sich weiterzubilden. Die Aberkennung aller
    Ansprüche an den Sozialstaat müsse auf den Fuß folgen und mit
    beliebiger - von der Siemens-/Wirtschaft festzulegender -
    Arbeitsverpflichtung ohne Entgeld und Geldbuße bestraft werden.

    Ungewohnt leidenschaftlich und gestenreich doziert, ja man muss es
    fast schon predigen nennen, von Pierer über die Auswüchse und die
    Selbstbedienungsmentalität einfacher Bürger, aus einfachen
    Verhältnissen, die es sich erlauben würden, politische Führer und
    namhafte Manager aus besten Familien persönlich anzusprechen und zu
    diffamieren. Es könne nicht angehen, dass diese Klientel durch
    Erwerbslosigkeit und Konsumverweigerung aufgrund fehlender
    finanzieller Mittel die wirtschaftliche und politische
    Funktionärselite, sprich ihn und seine Managerkollegen sowie
    Parteifunktionäre aller maßgeblichen deutschen Parteien, allein durch
    ihre nicht auslöschbare Anwesenheit in diesem Lande, mit dem Anschein
    des Versagens und der Korruption und Vorteilsannahme beschmutze.
    Aufgrund dieses negativen Bildes deutscher Manager und Politiker
    würde der Wirtschaftsstandort leiden, Gewinne schrumpfen und
    Managergehälter nicht mehr ins Unendliche steigen. Nicht zu reden von
    allerhand Zuwendungen für die Spitzenpolitiker. Als Ausweg müsste
    diese Klientel in sogenannte Erkenntnisstätten, Orten an denen sie
    unter schmerzvollsten Bedingungen mit ihrer eigenen, aus Sicht der
    Wirtschaft und der Parteifunktionäre überflüssigen Existenz
    konfrontiert würden, verschickt werden. Zur Besserung dürfe es nur
    die Medizin der Arbeit ohne jede Bezahlung, diese aber verpflichtend,
    geben. Aufgrund der ähnlichen Arbeitsbedingungen komme nur
    Südostasien oder der vordere Orient in Frage. Aus rechtlichen Gründen
    müssten diese Besserungswilligen die örtliche Staatsbürgerschaft
    annehmen. Eine Rückkehrmöglichkeit nach Deutschland müsse für immer
    ausgeschlossen bleiben.

    Er selbst sei regelmäßig sogar beruflich in China. Er wolle
    Deutschland zu Siemens erneuern. Sein diesbezüglicher Masterplan sei
    bereits mit der Bundesregierung seit Jahren festgelegt.

    Seine persönliche Herausforderung und Leidenschaft sei jetzt die
    Sozialpolitik, die Rentner, Kranken sowie Pflegebedürftigen und die
    Kinder.
    Das Sprichwort des Bayerischen Ministerpräsidenten, „Arbeit ist
    sozial“, wolle er mit neuem Leben füllen.
    Hier gelte es durch die bereits bewährte Mobilisierung neue
    Lebensenergie und Kraft durch Bewegungstraining den Betroffenen
    zukommen zu lassen und somit die Volksgesundheit durch Erneuerung
    nachhaltig zu fördern. Dies könne durch die monatliche Ausbezahlung
    der Rente an die Rentner in ländlichen idyllisch abgelegenen Orten,
    die nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreicht werden könnten, ohne
    große finanzielle Zusatzkosten vollzogen werden. Insbesondere an
    besonders kalten oder heißen Tagen müsse eine Einbestellung der
    Kunden zur pauschalen Überprüfung der aktuellen Rentensituation
    kurzfristig anberaumt werden. Die gesparten Medizinausgaben müssten
    für Hitech - Geräte Verwendung finden. Insbesondere gelte es durch
    regelmäßige körperliche Aktivitäten Pflegebedürftige aus den Heimen
    zu bringen. Die Patienten sollten durch die Festschreibung von allein
    zu bestehenden täglichen Wanderungen außerhalb der Anlage, neuen
    Lebensmut und Kraft tanken können. Die Überwachung könne durch
    personifizierte Hitech-Handys sichergestellt werden.

    Bei Nichtbefolgung entsprechender Angebote müssten Abmahnung und
    Kündigung des Heimplatzes als letztes Mittel analog der
    Arbeitsverweigerung und Minderleistung im Sinne der Kündigungsgesetze
    bei Arbeitnehmern problemlos festgeschrieben werden.

    Besonders viel verspreche er sich durch die Einführung eines
    Mitbestimmungsrechtes der Heiminsassen analog dem bewährten und von
    Gewerkschaftlern so geliebten Betriebsverfassungsgesetz.

    So sollten die Heiminsassen per Unterschriftenliste geheim abstimmen
    können, wer im Heim bleiben dürfe oder fristlos gekündigt werden
    müsse. Dies in den zwei wesentlichen Fällen in denen entweder die
    Heimleitung durch selbst beschworene Sparmaßnahmen die Effizienz auf
    Gutdünken sich selbst nicht mehr gewährleisten könne oder sich die
    Heiminsassen, nach vorherigem Hinweis der Heimleitung, zielsicher
    gegen bestimmte Mitbewohner aussprechen würden. Insbesondere aber
    Insassen die den Pflegeprozess durch Pflegebedürftigkeit absichtsvoll
    und wissentlich nachhaltig störten oder sich der Gruppendynamik in
    den Abstimmungen verschließen würden, könnten im Sinne der Erneuerung
    der Gemeinschaft und für eine bessere Welt reformistisch fristlos
    gekündigt werden. In beiden Fällen sollte es ihnen ausdrücklich nur
    eigenständig ohne fremde Hilfe erlaubt sein, sich woanders eine neue
    befriedigende Pflegestätte zu suchen.

    Gegnern dieser Mitbestimmung müsse durch die Aufnahme in schwarze
    Listen dieser Weg verbaut werden. Für sie bleibe dann nur die
    Auswanderung oder ......

    Für ihn, von Pierer, sei dies die wichtigste und humanste Reform der
    nächsten Jahrzehnte überhaupt. Siemens Mitarbeiter würden dieses
    Vorgehen - dem zugrundeliegenden Prinzip nach - bereits in der
    täglichen Arbeit bestens kennen und nachweislich erfolgreich im
    Arbeitsalltag umsetzen dürfen.

    Alles sei im Prinzip auf alles übertragbar.

    Die Mitarbeiter seien ihre eigenen Betriebsräte und Personalchefs.
    Das spare Geld und Zeit und stärke die Siemens-/Wirtschaftskraft
    Deutschlands. Weitere Einsatzfelder für diese Geschäftsmethode seien
    bereits als Patent beim Europäischen Patentamt in Anmeldung.

    Das Wirtschaftsministerium wolle er durch Milliardenaufträge an die
    Siemens-/Wirtschaft umfassend stärken. Medizingeräte, Magnetzüge,
    Kernkraftwerke, Computer, Handys,.., Deutschland haben dringenden
    Bedarf nach innovativen Produkten.

    Die Entfesselung Deutscher Sparguthaben sei eines seiner
    leidenschaftlichsten Ziele. Er habe bereits mit seinen Nachfolgern
    bei Siemens gesprochen. Diese seien ohne wenn und aber dazu bereit,
    annähernd 4 Billionen Euro Sparguthaben Deutscher Bürger als
    patriotische Tat freiwillig oder durch Gesetz zu übernehmen und in
    internationale Siemens Geschäfte zu investieren. Internationale
    Investmentinstitute und Consultancies wie Goldmann Sachs
    International, Lehmann Brothers International, Bain & Company,
    Salomon Smith Barney International, Warburg Dillon Read und viele
    Andere hätten für derartige Summen grundsätzlich, dies sei eine
    Selbstverständlichkeit, Interesse.

    Das Ziel sei, alle deutschen Bürger müssten auf die Stärke und
    Fürsorge der Marke Siemens und seiner internationalen Finanzpartner
    stolz sein dürfen. Er habe schon immer Geschäfte für seine Partner
    gemacht.

    Als entscheidende Mitgift an das deutsche Volk sehe er, von Pierer,
    aber insbesondere Zehntausende von erfolgreichen und
    beschäftigungslosen Siemens Topmanagern, die in der Vergangenheit ihr
    Potential und ihre Kenntnisse beim Personalabbau umfassend bewiesen
    hätten und die jetzt Siemens Startups, sogenannte Schnellboote,
    aufbauen und führen sollten.

    Der Neue Markt werde eine Wiedergeburt erleben.

    Das Gesamtkonzept sehe auch vor, Neuigkeiten, Gerüchte und
    insbesondere Insolvenzen dieser Startups eigenständig zu vermarkten.
    Hierzu wurde in Abstimmung mit der Regierung und unter Bezugnahme auf
    die neue Europäische Patentrichtlinie ein weiteres Patent angemeldet.
    Fremde Newsgroups und Portale zu diesem Themengebiet müssten in
    Zukunft mit geradezu unnachgiebigen Regressforderungen und
    Patentgebühren rechnen.

    So stelle er sich auch einen Wirtschaftsaufschwung vor.

    Als unabdingbares Zeichen an alle Arbeitswilligen ohne Einkommen aber
    mit Restvermögen sollten diese Startups als Geldanlage mit
    unbezahlter eigener Arbeitsverpflichtung für dieses Klientel
    vorgeschrieben werden. Das Finanzministerium könne durch eine
    Beteilungssteuer für Privatleute an diesen Startups gut profitieren.
    Von Pierer stellt klar, dass jeder Erwerbslose als Zeichen seines
    Arbeitswillens sich an diesen Startups mit einer Einlage in Höhe
    seines gesamten Vermögens beteiligen müsse. Andernfalls könne man
    davon ausgehen, dass diese Erwerbslosen einer unbezahlten Arbeit
    nicht nachgehen wollten und somit in dieser schwierigen
    Landessituation mit noch nie da gewesenen Sanktionen und Geldstrafen,
    die die Siemens-/Wirtschaft stärken würden, belegt werden müssten.

    Kurzfristig wolle er Deutschland zu einem Volk von 80 Millionen
    mobilen Unternehmern, vom Kind bis zum Greis machen, die ihren
    Lebensunterhalt - auf Verlangen auch in Übersee - , jeden Tag aufs
    neue, eigeninitiativ bestreiten dürften.
    Warum solle ein Kleinkind nicht auf selbstständiger Basis für
    Babynahrung werben dürfen und ein alter Greis seine Lebenserfahrung
    als selbstständiger Erzieher in die Kinderpädagogik oder Tauchlehrer
    am Kap einbringen dürfen. Es gäbe unzählige Chancen.

    Die monatlichen Ausgaben für Büromiete, Büromaterial, Computer,
    Handy, Firmenwagen, Kranken- und Rentenversicherung, Steuerberater,
    Vormund und Geschäftsführer für Minderjährige etc. würden der
    Siemens-/Wirtschaft zugute kommen und deren Gewinnsituation
    vervielfachen.
    Wenn es aber so leicht sei seinen Lebensunterhalt selbstständig zu
    verdienen, müsse der Staat Steuergelder für die Rente und Kindergeld
    in mehrstelliger Milliardenhöhe einsparen und zugleich in die
    Siemens-/Wirtschaft investieren. Die Gewinne und Renditen deren
    internationaler Anteilseigner würden ohne eigenes Zutun explodieren.
    Dies hätte einen Ansturm von internationalen Investoren auf
    Deutschland zur Folge. Keine Firma dieser Welt würde sich diese
    weltweit einzigartige deutsche Geschäftsmethode entgehen lassen. Auch
    hier seien Patentgebühren fällig.

    Dies sei der entscheidende Schritt für Deutschland nach vorne.
    Innovation pur sozusagen.

    Erwerbslose ohne Vermögen seien für Deutschland und die
    Siemens-/Wirtschaft als Arbeitskräfte gegen Essen und
    Schlafgelegenheit am Arbeitsplatz vorrangig im Osten einzusetzen. Und
    dies nur aus Menschlichkeit.
    Eine Arbeits- und Sozialstatistik sei schon immer eine
    Fehlentwicklung in den Köpfen von Arbeitsscheuen gewesen. Wer darin
    erscheinen wolle, müsse in Zukunft horrende Strafgebühren und
    Unannehmlichkeiten erwarten dürfen.

    In seiner Regierungserklärung verkündet von Pierer als erste
    Staatshandlung aber die Arrestierung von Jürgen Peters, dem
    legendären und standhaften IG-Metaller, der sich in seinem Haus in
    Hannover seit einem Jahr in vorgezogenem Ruhestand befindend, am
    Werbefeldzug der schönen und neuen Siemens Welt-/Wirtschaft im Rahmen
    einer weltweiten Imagekampagne nicht aus idealistischen Gründen für
    viel Geld und auch nicht freiwillig aus Überzeugung beteiligen wollte.

    Was war passiert:
    Nach von einer Minderheit in der IG-Metall organisierten
    Massenaufrufen am 26.01.2005 an die ca. 10 Millionen einkommenslosen
    Gekündigten und erwerbslosen Studienabsolventen in Deutschland ohne
    jede Aussicht auf eine qualifizierte und bezahlte Berufstätigkeit
    gegen die deutschlandweite Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpolitik,
    hatte von Pierer der damalige Siemens Boss sofort reagiert und
    unternehmungslustige High-Potentials aus vermögendem Elternhaus, die
    bei Siemens seit Jahren mehrjährige unbezahlte Praktikas nach 2
    Hochschulstudiengängen und Doktortitel mit 60 Wochenstunden leisten
    dürfen, gegen die Erwerbslosen auf die Strasse gerufen.
    Untermauert von Millionen Euro schweren 24-farbigen kunterbunten
    never stop thinking Stellenanzeigenkampagnen in Print- , Hör- und
    TV-Medien verkündete von Pierer ruhig und sachlich, ganz auf seine
    Art, dass es doch unzählige Stellenanzeigen gäbe, und die
    Erwerbslosen vor allem nicht Geld für eine Arbeitsgelegenheit
    bezahlen wollten.

    Dies könne sich die drittgrößte Weltwirtschaft nicht leisten.

    Präsidiumsmitglieder der Sozialdemokratischen Partei und
    Gewerkschaftler und Gerhard Schröder nahestehende bekannte Künstler
    und Intellektuelle stützten zugleich diese These und bedauerten die
    Uneinsichtigkeit und Reformfeindlichkeit der Protestler.
    Durch Siemens Kündigungen im Raum München im Jahre 2003, die wegen
    ihres Stils und ihrer bestreitbaren Gesetzeskonformität erstmals
    Einblick in die Personalpolitik der Siemens AG für die breite
    Öffentlichkeit ermöglicht hatten, hatte von Pierer zusätzlich viele
    Begierden geweckt.
    Seine Hartnäckigkeit und beneidenswerte Ausdauer, auch Familien,
    Mutter wie Vater, Behinderten und laut Gesetz unkündbaren
    Beschäftigten nach jahrzehntelanger treuer Arbeit die Tür durch alle
    Instanzen der Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit zu weisen, hat die
    Marke Siemens auch bei Jungendlichen äußerst bekannt gemacht.
    Gelangweilte Youngsters mit prallen Geldbeuteln und dem Handykult
    verfallen, fühlten sich geschmeichelt und inspiriert, jetzt die
    faulen Alten ab 30 Jahren, die dem Staat und der Wirtschaft doch nur
    auf der Tasche liegen und das Geld und die Zukunft der Jungen
    verbraten würden, mit allen Mitteln zu beschimpfen. Endlich ein
    lohnendes Feindbild.

    Parallel wurden unter Anwendung der von der rot-grünen Koalition
    bereits vor 3 Jahren reformierten Kündigungsgesetze sowohl allen
    niederrangigen IG-Metall Mitgliedern als auch deren Unterstützern in
    den Belegschaften bei Siemens fristlose Kündigungsbegehren wegen
    Aufruf zur Aufwiegelei und Siemens Diffamierung, als Ausdruck der
    persönlichen Wertschätzung, privat überreicht.
    Zehntausende von Kündigungsschreiben enthielten zusätzlich
    Schadenersatzforderungen wegen Geschäftsschädigung zwischen 10.000
    und 500.000 Euro, orientiert an der Ablehnungsintensität der
    Siemens-/Wirtschaftspolitik.
    Da sich die vor 2 Jahren von der Regierung massiv erhöhte Anwalts-
    und Gerichtsgebühr nach dem Streitwert bemisst und im Vergleichsfall
    jeder seinen Anwalt selbst bezahlen muss, und kein Anwalt mehr als
    einen Vergleich gegen Siemens herausholen konnte oder wollte, wurden
    viele Gekündigte bereits durch die im Vergleichsfall alleine zu
    bezahlenden Anwaltsgebühren wirtschaftlich zerstört.
    Aufgrund einer direkt im Anschluss öffentlich bekannt gemachten
    Ertragsunzufriedenheit konnte Siemens noch einmal Zehntausenden von
    Mitarbeitern - nach eigener Aussage prophylaktisch und als Zeichen
    des Erneuerungswillens - gesetzestreu kündigen.

    Nachdem die IG-Metall somit Mitglieder und damit beitragslos war,
    wurde sie aufgelöst.
    Die IG-Metall und verwandte Organisationen existieren nicht mehr.

    Wie jeder tapfere Sieger hat von Pierer den Erwerbshungrigen ein
    Friedensangebot unterbereitet. Jeder der bereit und guten Willens
    sei, für die seiner Ansicht nach ehrenvolle Politik deutscher
    Funktionärseliten öffentlich zu protestieren, könne mit einem 2 Euro
    Job bei Siemens rechnen. Folgerichtig gingen Millionen und
    Abermillionen Deutscher auf die Strasse.

    Viele IG-Metaller der niederen Ränge tauchten unter oder verließen
    fluchtartig das Land Richtung Westen. Die Mitglieder der
    Führungsriege hingegen bekamen das Angebot bis zu ihrer gut dotierten
    Frührente als Vertrauensleute und Mitarbeiter der Siemens
    Personalabteilung unzufriedene Arbeitnehmer geheim und unter
    Datenschutzpreisgabe anzuhören. Gleichzeitig wurde die reformierte
    „Siemens Freunde Gewerkschaft“ (SFG) gegründet. Als deren
    Vorsitzendender kandidierte zugleich Heinrich von Pierer.
    Von Pierers medienwirksamer Widersacher hingegen, Jürgen Peters,
    weigerte sich weiterhin sein Verhalten als menschenfeindlich und
    kolonialherrenhaft zu tiefst zu bedauern und Herrn von Pierer als
    wahren und einzigen Befreier der Gekündigten und erwerbslosen
    Entrechteten zu lobpreisen.

    Mutig und voller Würde, typisch für ihn, hat von Pierer nun
    angekündigt, mit Jürgen Peters persönlich und unverzüglich
    stundenlange und tagtägliche sogenannte in-town Coaching Gespräche
    aufnehmen zu wollen.
    Sinn und Zweck der Coaching Gespräche sei es die Einsichtsfähigkeit
    Jürgen Peters kontinuierlich dahingehend zu testen, inwieweit er
    einerseits seine totale Niederlage anerkenne und andererseits er die
    Richtigkeit der Erneuerung und Reform Deutscher Bürger durch ihn,
    Herrn von Pierer, als ausgesprochen gerecht und beispielhaft bewerten
    könne. Des weiteren er diese, seine Einsichtsfähigkeit, durch
    lautstarke öffentliche Bekundungen objektiv dokumentiere. In diesem
    Fall könne er unter Einhaltung demokratischer Ehren Deutschland
    Richtung Osten für immer verlassen.

    Das erste in-town Coaching Gespräch fand unverzüglich statt:
    VON PIERER: Aufrührer Jürgen Peters, Sie haben die Massenaufrufe vom
    26. Januar 2005 in ganz Deutschland als das "absolute Ereignis"
    beschrieben. Sie haben mich persönlich beschuldigt, durch meine
    unerträgliche menschenverachtende Mitarbeiterbehandlung den
    unwiderstehlichen Wunsch nach der Siemens Auflösung und der
    Aufteilung an Wettbewerber zu wecken. Jetzt, wo der Widerstand
    einiger IG-Metaller gegen das Recht des Stärkeren kläglich
    zusammengebrochen ist, einfache Staatsbürger nichts mehr als gehetzte
    Gekündigte ohne Einkommen und Lebensunterhalt sind - müssen Sie nicht
    alles widerrufen?
    Jürgen Peters: Ich habe nichts verherrlicht, niemanden angeklagt und
    nichts gerechtfertigt. Man darf den Botschafter nicht mit seiner
    Kunde verwechseln. Ich bemühe mich, einen Prozess zu analysieren: den
    ihrer Politik, die durch ihre schrankenlose Demütigung gutgläubiger
    und aufrechter Mitbürger die Bedingungen für ihre eigene Zerstörung
    beschwört.
    VON PIERER: Lenken Sie damit nicht einfach ab von der Tatsache, dass
    nur identifizierbare Betonköpfe und Ewig Gestrige für die
    Massenproteste verantwortlich sind?
    Jürgen Peters: Natürlich gibt es handelnde Akteure, aber der Geist
    des Mitgefühls und der Rücksichtnahme reicht weit über sie hinaus.
    Die Unterdrückung konzentriert sich auf ein sichtbares Objekt, das
    Sie zerschmettern möchten. Doch das Ereignis vom 26. Januar in all
    seiner symbolischen Bedeutung lässt sich so nicht auslöschen. Die
    Angriffe auf Menschen guten Glaubens sind eine völlig unzulängliche
    Ersatzhandlung.
    VON PIERER: Ich persönlich habe barbarische soziale Mindeststandards
    beendet und dem deutschen Volk eine Chance zum Neubeginn ganz unten
    gegeben. So sehen es auch Ihre geläuterten Kollegen.
    Jürgen Peters: Die Lage scheint mir nicht so eindeutig. Dieser
    Triumphalismus ist mir fremd. Sie bringen ein Hoch auf die Zerstörung
    der materiellen Existenz Millionen Deutscher aus, als wäre dies ein
    Instrument des Weltgeistes.
    VON PIERER: Es gibt keinen gerechten Neubeginn ganz unten?
    Jürgen Peters: Nein, dafür gibt es zu viele Ambivalenzen. Der
    Neubeginn wird oft aus dem Drang nach Gerechtigkeit heraus begonnen,
    das ist sogar fast immer die offizielle Begründung. Aber selbst wenn
    er gerechtfertigt sein möge und in bester Absicht geführt wird, endet
    er in der Regel nicht so, wie ihre Urheber sich das vorstellen.
    VON PIERER: Ich persönlich habe unbestreitbare Erfolge erzielt. Viele
    Deutsche können jetzt, nachdem sie alles verloren haben, wieder auf
    ein besseres Leben hoffen. Sie haben Hoffnung.
    Jürgen Peters: Warten Sie ab. Noch haben nicht alle Deutschen den
    Schleier der Angst abgelegt. Die Organisation der IG-Metall ist
    zerschlagen, gewiss. Aber das internationale Netzwerk der attac
    existiert immer noch. Und gutwillige mutige Staatsbürger, tot oder
    lebendig, sind zu Hauf vor allem verschwunden. Das verleiht ihnen
    eine mythische Macht, sie gewinnen in gewisser Weise eine
    übernatürliche Dimension.
    VON PIERER: Habe ich persönlich erst gesiegt, wenn ich Nihilisten wie
    Sie oder ihre psychischen Reste reumütig im Fernsehen präsentieren
    kann?
    Jürgen Peters: Das wäre ein fragwürdiges Spektakel, und selbst dann
    bliebe uns die Rolle des Märtyrers. Uns zur Schau zu stellen würde
    uns nicht unbedingt entzaubern. Auf dem Spiel steht mehr als die
    Kontrolle eines Territoriums, einer Bevölkerung oder die Ausschaltung
    einer unliebsamen Organisation und deren Organisatoren. Der Einsatz
    ist fast schon metaphysisch geworden.
    VON PIERER: Warum können Sie nicht einfach zugeben, dass die
    Massenaufrufe gegen mich und meiner Politik die willkürliche,
    irrationale Tat einiger verblendeter Fanatiker war?
    Jürgen Peters: Eine gute Frage, aber selbst wenn es sich um einen
    bloßen Rachefeldzug gehandelt hätte, bliebe die symbolische Bedeutung
    des Ereignisses erhalten. Nur so erklärt sich auch seine Faszination.
    Hier ist etwas geschehen, das bei weitem den Willen der Akteure
    übersteigt. Es gibt eine universelle Allergie gegen eine endgültige
    Ordnung, gegen eine endgültige Macht, und diese rücksichtslose
    Überheblichkeit und totalitäre Anspruchshaltung und Brutalität
    verkörpert diese endgültige Ordnung in vollkommener Weise.
    VON PIERER: Demnach erklären Sie den selbst zerstörerischen Wahn als
    unausweichliche Reaktion auf ein System, das selbst größenwahnsinnig
    geworden ist?
    Jürgen Peters: Ihr System in seinem totalen Anspruch hat die
    objektiven Bedingungen dieser mutigen Proteste geschaffen. Der
    immanente Irrsinn dieser Corporate Culture bringt Wahnsinnige hervor,
    so wie eine unausgeglichene Gesellschaft Delinquenten und
    Psychopathen erzeugt. In Wahrheit sind diese aber nur die Symptome
    des Übels. Das Mitgefühl dagegen ist überall, wie ein Virus. Es
    braucht diese Corporate Culture nicht als Heimstatt.
    VON PIERER: Sie deuten meine persönliche Politik und den Widerstand
    gegen sie wie den Verlauf einer Krankheit, sogar wie eine
    Selbstzerstörung. Ist das nicht das eigentlich Skandalöse an Ihrer
    Analyse - dass diese meine Erfolge völlig auslässt?
    Jürgen Peters: Ich bin auf meine Weise durchaus ein Moralist. Es gibt
    eine Moral der Analyse, eine Pflicht zur Aufrichtigkeit. Ich will
    damit sagen, dass es unmoralisch ist, die Augen vor der Wahrheit zu
    verschließen, nach Vorwänden zu suchen, um das schwer Erträgliche zu
    kaschieren. Wir müssen die Dinge jenseits des Gegensatzes von Gut und
    Böse sehen. Ich suche die Konfrontation mit dem Ereignis, so wie es
    ist, ohne Zweideutigkeit. Wer das nicht kann, wird zu einer
    moralischen Falschschreibung der Geschichte verleitet.
    VON PIERER: Aber wenn ihr Widerstand sich zwangsläufig, praktisch
    schicksalhaft vollzieht, wie Sie behaupten, ist er dann nicht
    zugleich entschuldigt? Es gibt kein verantwortliches Subjekt mehr.
    Jürgen Peters: Die Begrifflichkeit meiner Analyse ist zweischneidig,
    das ist mir klar. Die Worte können gegen mich gewendet werden. Aber
    ich lobpreise nicht Protest und Ablehnung, das wäre idiotisch. Das
    Mitgefühl ist keine zeitgenössische Form der Revolution gegen
    Würdelosigkeit und Sozialraub. Keine Ideologie, kein Kampf für eine
    Sache, auch nicht der Massenwiderstand, können ihn erklären.
    VON PIERER: Aber warum sollte sich meine persönliche Politik gegen
    sich selbst richten, warum sollte sie Amok laufen, da sie doch
    Freiheit, Wohlstand und Glück für alle verheißt?
    Jürgen Peters: Das ist die utopische Sicht, die Reklame
    gewissermaßen. Aber es gibt kein gänzlich positives System. Im
    allgemeinen sind positivistische Geschichtsutopien äußerst
    mörderisch, wie Faschismus und Kommunismus gezeigt haben.
    VON PIERER: Meine persönliche Politik können Sie doch nun wirklich
    nicht mit den blutigsten Systemen des 20. Jahrhunderts vergleichen.
    Jürgen Peters: Sie beruht, wie früher der Kolonialismus, auf einer
    ungeheuren Gewalt. Sie schafft mehr Opfer als Nutznießer, auch wenn
    die Parteienfunktionärs- und Beamtenelite neben Corporate Siemens
    ungeheuer davon profitiert. Natürlich können sie im Prinzip jedes
    Volk so befreien wie Siemens. Aber was wäre das für eine sonderbare
    Befreiung? Die derart Beglückten würden sich dagegen zur Wehr zu
    setzen wissen, notfalls eben mit Massenprotesten.
    VON PIERER: Sie halten meine persönliche Politik für eine Form der
    Frondienstverpflichtung, getarnt als Innovation?
    Jürgen Peters: Sie preisen sie wie den Endpunkt der Aufklärung, die
    Auflösung aller Widersprüche. In Wirklichkeit verwandeln sie alles in
    einen weltweit verhandelbaren, bezahlbaren Tauschwert. Dieser Prozess
    ist extrem gewaltsam, denn er zielt auf eine Vereinheitlichung als
    Idealzustand ab, in dem alles Einzigartige, jede Singularität, auch
    jede andere Meinung und letztlich jeder nichtmonetäre Wert und die
    Menschenwürde aufgehoben würden.
    VON PIERER: Setzen sich mit meiner persönlichen Politik nicht auch
    universelle Werte wie Freiheit, Chancengleichheit und
    Eigenverantwortung durch?
    Jürgen Peters: Man muss radikal zwischen dem Globalen und dem
    Universellen unterscheiden. Die universellen Werte, wie sie die
    Aufklärung definierte, haben ein transzendentes Ideal. Sie
    konfrontieren das Ich mit seiner Freiheit, welche eine ständige
    Aufgabe und Verantwortung ist, nicht einfach ein Recht. Ihrer Politik
    fehlt das völlig, es ist ein operationelles System des totalen
    Handels und Tausches einzig nach ihren Regeln.
    VON PIERER: Meine persönliche Politik befreit die Deutschen nicht,
    sie verdinglicht sie?
    Jürgen Peters: Sie geben vor, die Deutschen zu befreien, dabei
    deregulieren sie nur. Die Abschaffung aller Regeln, genauer: die
    Reduzierung aller Regeln auf das Gesetz des Großkapitals, auf ihre
    Machtbasis, ist das Gegenteil von Freiheit - nämlich deren Illusion.
    So altmodische und aristokratische Werte wie Würde, Ehre,
    Herausforderung, Opfer zählen darin nicht mehr.
    VON PIERER: Bildet die uneingeschränkte Anerkennung der individuellen
    Eigenverantwortung nicht ein verlässliches Bollwerk gegen diesen
    Prozess der Entfremdung?
    Jürgen Peters: Ich glaube, dass die Eigenverantwortung schon in
    diesen Reformenprozess integriert worden ist und als Alibi
    funktioniert. Sie gehört zum juristischen und moralischen Überbau -
    kurzum: Sie ist Werbung.
    VON PIERER: Also Täuschung?
    Jürgen Peters: Ist es nicht paradox, dass ihre Politik heute die
    Begriffe Reform und Innovation als Waffe gegen das Andersartige
    benutzt, nach dem Motto: Entweder ihr teilt unsere Einschätzung oder
    ... ? Die Reform wird mit Drohung und Erpressung durchgesetzt. Damit
    sabotiert sie sich selbst. Sie stellt keine autonome Entscheidung für
    die Freiheit mehr dar, sondern wird zum globalen Imperativ. Das ist
    gewissermaßen die Perversion des kategorischen Imperativs von Kant,
    der grundsätzlich die freiwillige Zustimmung zu seinem Gebot
    impliziert.
    VON PIERER: So wäre das Ende der Geschichte, die absolute Herrschaft
    der Reform oder Innovation, eine neue Form von Diktatur?
    Jürgen Peters: Ja, und es ist völlig unmöglich, dass es dagegen keine
    gewalttätige Reaktion gibt. Der Mitgefühl entsteht, wenn keine andere
    Gegenwehr mehr möglich erscheint. Das System empfindet objektiv alles
    als Widerstand, was sich ihm entgegenstellt. Die Werte von Siemens
    sind ambivalent, sie können zu einem bestimmten historischen
    Zeitpunkt eine positive Ausstrahlung haben und den Fortschritt und
    die Innovation beflügeln, zu einem anderen aber sich selbst so auf
    die Spitze treiben, dass sie sich verfälschen und sich am Ende gegen
    ihre eigene Bestimmung wenden.
    VON PIERER: Wenn der Antagonismus Reformen-Mitgefühl wirklich
    unauflöslich wäre, welchen Sinn hätte dann noch die Reform und
    Innovation gegen das Mitgefühl?
    Jürgen Peters: Siemens versucht, die Symmetrie Freund-Feind
    wiederzufinden, es strebt auf vertrautes Terrain zurück. Sie
    persönlich behandeln das Mitgefühl so, als müssten sie sich gegen ein
    Rudel Wölfe verteidigen. Aber gegen Viren funktioniert das nicht, sie
    sind ja längst in uns. Es gibt keine Front und keine
    Demarkationslinie mehr, der Feind sitzt im Herzen des Großkapitals,
    der Großindustrie, und der etablierten Politik die ihn bekämpft. Das
    ist, wenn man so will, der vierte Weltkrieg: nicht mehr zwischen
    Völkern, Staaten, Systemen und Ideologien, sondern der Deutschen mit
    sich selbst.
    Der Oberbegriff ist staatlich forciertes Bürgermobbing. Die Jungen
    gegen die Alten, die Kranken gegen die Gesunden, die die
    Erwerbsarbeit haben gegen die, die für nichts arbeiten sollen,
    Teilzeitbeschäftigte gegen Vollzeitbeschäftigte, Rentner gegen
    Auszubildende und Jugendliche, Jeder gegen Jeden, zuletzt gegen sich
    selbst.
    Ein Krieg ohne die Armee.
    VON PIERER: Dann kann die Reformoffensive Ihrer Meinung nach auch
    nicht gewonnen werden?
    Jürgen Peters: Niemand kann sagen, wie das alles ausgehen wird. Auf
    dem Spiel steht letztlich das Überleben der Deutschen, es geht nicht
    um den Sieg einer Seite. Das Mitgefühl hat kein politisches Projekt,
    es hat keine Finalität, und so gesehen ist es real.
    VON PIERER: Einfache Staatsbürger und vereinzelte IG-Metaller haben
    sehr wohl einen gesellschaftlichen Entwurf, die Vorstellung einer
    offenen idealen Gemeinschaft mit dem Geld der Unternehmer. Sehen Sie,
    ich habe an der Börse alleine mit dem Siemens Startup Infineon in 3
    Jahren fast 10 Mrd. Euro für Siemens erwirtschaftet. Vorher und
    nachher war dieser Halbleiterbereich nur ein gigantischer
    Verlustbringer. Mit diesem Geld wird Siemens noch über Jahre hinweg
    exorbitante Gewinne ausweisen. Meine unternehmerische Leistung.
    Jürgen Peters: Vielleicht, nur ist es nicht das Geld, dass die Bürger
    zum Mitgefühl treibt. Das betonen alle Funktionäre. Kleinanlegern
    wurden an der Börse innerhalb von 2 Jahren annähernd 200 Mrd. Euro
    von Ihren Sparkonten abgenommen. Geld geht nicht verloren, es hat nur
    jemand anders, nämlich die, die an den Börsengängen direkt und
    indirekt beteiligt waren. Das will ich nicht in Abrede stellen, der
    Gesetzgeber hat dies ermöglicht.
    Die Protestler vom 26. Januar haben auch Forderungen gestellt.
    Das Mitgefühl ist aber vor allem eine symptomatische Form der
    Ablehnung, der Verweigerung, seine Anhänger wollen nicht konkret
    etwas fordern, sie erheben sich wild gegen etwas, das sie als
    Bedrohung ihrer Identität empfinden.
    VON PIERER: Das ändert doch nichts daran, dass im Lauf der Geschichte
    immer auch eine unternehmerische Evolution stattfindet. Beweist die
    Stärke von Siemens nicht gerade die Kraft ihrer Ausstrahlung?
    Jürgen Peters: Warum sagen Sie nicht gleich ihrer Überlegenheit?
    Unternehmen sind wie Sprachen. Jedes ist unvergleichlich, ein
    abgeschlossenes Gebilde für sich. Es gibt keine Hierarchie der
    Sprachen. Man kann sie nicht am Universellen messen. Es ließe sich
    zwar theoretisch eine globale Sprache durchsetzen, aber in dieser
    Reduzierung läge die absolute Gefahr.
    VON PIERER: Im Grunde leugnen Sie die Idee der Innovation und Reform,
    meine Politik. Das Einzigartige, das Sie verteidigen, ist doch kein
    Wert an sich. Es kann gut oder böse sein, selbstlos oder kriminell ...
    Jürgen Peters: ... ja, die Singularität kann alle Formen annehmen,
    auch die bösartige oder die aufrührerische. Sie bleibt dennoch ein
    Kunstwerk. Im Übrigen glaube ich nicht, dass es überwiegend gute oder
    böse Unternehmen gibt - verhängnisvolle Abwege selbstverständlich,
    aber beides lässt sich nicht trennen. Das Böse nimmt nicht in dem
    Maße ab, wie das Gute zunimmt. Deshalb ist der Begriff der Innovation
    außerhalb der Rationalität der Naturwissenschaften in der Tat
    problematisch. Würde man das Böse der Firmen beseitigen, zerstörte
    man die Grundbedingung des Unternehmertums.
    VON PIERER: Kein Himmel ohne Hölle, keine Rettung ohne Verdammnis -
    lässt Ihre dualistische Weltsicht überhaupt etwas anderes zu als
    Fatalismus und Betonköpfigkeit?
    Jürgen Peters: Der Fatalismus bietet eine schlechte Interpretation
    des Wirtschaftsstandortes Deutschland, denn er führt zur Resignation.
    Ich resigniere nicht, ich will Klarheit haben, ein luzides
    Bewusstsein. Wenn wir die Spielregeln kennen, können wir sie auch
    ändern. Wird Deutschland schlecht geredet um die Arbeits- und
    Lebensbedingungen auf Dritte Welt Niveau zurückschrauben zu können?!
    Was kommt danach?
    VON PIERER: Ihrer anschaulich vorgetragenen und geradezu
    philosophischen Bewertung der Ereignisse muss nicht widersprochen
    werden. Dennoch, die Ursächlichkeit der Begebenheiten ist zu
    kennzeichnen.
    Es ist die Regierung, der Gesetzgeber, eine Partei und
    zusammengefasst deren Führungsriege die fast vollständig aus ihrem
    Lager, aus dem Lager der Gewerkschaften und hierbei vor allem der
    IG-Metall kommt, die für die von Ihnen so verachteten Reformen
    verantwortlich zeichnet. Hartz, das Synonym dafür, ist Mitglied der
    IG-Metall.
    Die Reformen meiner Politik bewegen sich auf den vorgegebenen Bahnen,
    die ihre Gewerkschaftsgenossen so eifrig und liebevoll mit Stahlbeton
    zementiert haben. Darauf lässt es sich hervorragend gleiten. Ihnen
    muss bekannt sein, wie leicht wir unzufriedenen Mitarbeitern aufgrund
    umfassender Hinweise von durch diesen kontaktierten Betriebsräten und
    Gewerkschaftlern seit jeher kündigen konnten.
    Jürgen Peters: Ich spüre Ihre Leidenschaft für polemische Überspitzung.
    Teil der ganzen Wahrheit ist doch, dass auch satte und korrumpierbare
    Gewerkschaftsführer nötige Reformen in den eigenen Reihen verhindert
    haben.
    Spitzenmanager und Spitzenverdiener wie der von Ihnen benannte Herr
    Hartz können nicht zugleich Vertreter der kleinen Leute sein. Kein
    Arzt kann zugleich Scharfrichter sein, er hätte sämtliches Vertrauen
    seiner Patienten verspielt. Betriebsräte die Kündigungen
    unterschreiben, ernten den Zorn und die Ablehnung der Mitarbeiter.
    Wenn nicht sofort doch zu gegebener Zeit. Und ein Tarifgehalt für
    Arbeitslose oder von Kündigung bedrohte Arbeitnehmer kann es
    selbstverständlich nicht geben, ein gesetzlicher Mindestlohn wiederum
    könnte die Rettung sein.
    Erfolgversprechend wäre eine umfassende Unterstützung von auf
    Erwerbseinkommen angewiesenen Menschen in rechtlicher und
    finanzieller Hinsicht bei Auseinandersetzungen mit Arbeitgebern durch
    eine autarke und selbstlos starke Massenorganisation. Diese meine
    Sicht der Dinge ist nicht neu und zu lange unbeachtet geblieben.
    VON PIERER: Bedauern Sie, dass das Deutschland den Glauben an die
    Rettung durch die Gewerkschaften weitgehend verloren hat?
    Jürgen Peters: Wissen Sie, eigentlich müsste man die ganze Debatte
    umdrehen. Nicht, warum es die Resignation des Deutschen Volkes gibt,
    ist die aufregende Frage. Das Böse ist zuerst da, ganz natürlich.
    Warum gibt es uns, die Hoffnung, das Gute? Das ist das eigentliche
    Wunder.
    VON PIERER: Und? Können Sie es erklären, ohne den Märtyrer zu bemühen?
    Jürgen Peters: Die beste und einfachste Hypothese ist in der Tat,
    Gott zu postulieren: Das Gute wird siegen und das Böse verlieren.
    VON PIERER: Aufrührer Jürgen Peters, ich werde Ihren Widerstand
    brechen. Im Guten wie im Bösen. Ich werde Sie zu meinem stärksten
    Befürworter reformieren.

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