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Über die Chancen linker Politiker in den USA

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  1. Über die Chancen linker Politiker in den USA

    Autor: Huegelstaedt 09.12.19 - 12:59

    Also ich hab hier einiges gelesen dem ich so nicht zustimmen kann. Es gibt zum Beispiel die Ansicht, dass durch das zwei Parteiensystem politischer Wandel deutlich schwerer zu erreichen ist als in Deutschland. Das amerikanische System hat seine Schwächen, aber es hat auch den Vorteil, dass man den jeweiligen Abgeordneten in den Primaries direkt wählen kann. Dadurch ist es möglich durch Graßwurzelbewegungen direkt Kandidaten ins Parlament zu wählen. Unter Obama gab es auf Seiten der Republikaner die Tee Party, die durch den Freedom Caucus im Parlament vertreten war. Der Freedom Caucus war zahlenmäßig nie besonders groß, aber eben groß genug um einflussreich genug zu sein um jeglichen Handel mit den Demokraten zu untergraben (siehe Grand Bargain, bei dem Obama über dem Tisch gezogen wurde, aber trotzdem von den Republikanern im Congress abgelehnt wurde). Unter Trump sieht man die Anfänge davon auf Seiten der Demokraten durch Gruppen wie Brand New Congress, Our Revolution und Justice Democrats.

    Die von Fox News so verteufelten Ocasio Cortez, Omar und andere sind übrigens Justice Democrats. Es gab ja bereits durch die Abwahl von Joe Crowley durch Ocasio Cortez einen Warnschuss in Richtung Parteiestablishment, der sehr stark an die Abwahl von Eric Cantor durch die Tea Party erinnert. Sobald man eine "kritische Masse" an Unterstützern erreicht hat ist es in den USA vielleicht sogar leichter Veränderungen anzustreben als in Deutschland - zumindest was die struktur des Wahlsystems betrifft. Allerdings ist es schwierig diese kritische Masse erstmal zu erreichen. Es gibt soziologische Untersuchungen, die belegen, dass die Wahlentscheidung häufig gar nicht so stark durch inhaltliche Zustimmung geprägt ist, sondern durch gewohnheit oder Zugehörigkeitsgefühl, das macht es einfacher innerhalb einer Partei Veränderungen anzustreben als durch eine Parteineugründung. Ich persönlich denke, man könnte das ein oder andere aus dem US System sogar bei uns übernehmen, die parteiinterne Demokratie ist in Deutschland ja häufig nicht sehr ausgeprägt

    Ich habe auch gelesen, dass Sanders gegen Trump verlieren würde... Tatsache ist aber, dass Sanders in beinahe allen Umfragen zu dem Thema seit 2016 konsistent gegen Trump gewinnt oder zumindest besser abschneidet als viele Demokraten. Wer denkt man bräuchte einen rechten Demokraten um in den ach so konservativen USA zu gewinnen hat vermutlich ein Übersimplistisches binäres Weltbild in dem es nur Links und Rechts gibt. In den Midterm Elections hat z.B. Ojeda in Westvirginia in einem Distrikt in dem Trump mit 50 Prozent Vorsprung vor Clinton gewonnen hat mit gerade mal 13 Prozent Unterschied verloren. Er hat einen klar arbeiterorientierten Wahlkampf in einem der konservativsten Distrikte des Landes geführt und hat die Demokraten dadurch konkurenzfähig gemacht.

    Auf unserer Seite des Atlantiks hat sich häufig ein übersimplistisches Bild breitgemacht. Die Demokraten sind die guten und die Republikaner sind die Bösen und da die Amerikaner häufig Republikaner wählen spinnen die alle und echte Reformen sind einfach nicht möglich. Aber wenn man das genauer betrachtet sieht man, dass die Demokraten und Republikaner lange zeit gar keine so großen Unterschiede hatten wenn es um ökonomische Fragen geht. Ja, die Demokraten waren idR gemäßigter, aber im grunde waren sie ideologisch nicht allzu weit voneinander entfernt. Der viel größere Unterschied war bei eher gesellschaftlichen Fragen. Die Demokraten haben zu großen Teilen Dinge wie LGBT-Rechte, das Recht auf Abtreibung, Gleichstellung von Frauen etc. zu ihrem Markenkern gemacht. Das gab vonseiten der eher konservativen Bevölkerung einen Backlash.

    Wenn man aber hingeht und dem armen Arbeiter in Westvirginia wie Ojeda es gemacht hat echte Perspektiven aufzeigt und ihm zeigt, dass er nicht allein gelassen wird, sondern man eine Politik für die einfache Bevölkerung machen will, geraten die typischen wahlkampftaktischen Annahmen über das Wahlverhalten bestimmter sozioökonomischer Gruppen ins Wanken. So hat der klar Links von Clinton anzusiedelnde Sanders im mittleren Westen sehr gut abgeschnitten und war im direkten Vergleich in einer Wahl gegen Trump auch vor Clinton in den Umfragen (auch wenn er Illinois, Pennsylvania und Ohio in den Pramaries nicht gewinne konnte).
    Gerade in den nördlichen konservativen Staaten hat er extrem gut performt und konnte unter anderem Idaho, Wyoming, Kansas Nebraska für sich gewinnen. Einzig im Süden des Landes konnte Sanders nicht Punkten.
    Er hat das alles geschafft obwohl jedes große Medienunternehmen Clinton gepusht hat ohne Ende. Stellt euch mal vor, es wäre fair vorgegangen, Sanders hätte klar gewonnen und vielleicht sogar im Süden Staaten für sich gewonnen.

    Wenn man das aktuelle Feld betrachtet fällt folgendes auf. Biden ist in Iowa und New Hampshire teilweise nur 4. und deshalb ist es fraglich ob er tatsächlich auf seinen Firewall im Süden Bauen kann wenn er enttäuscht, außerdem beleidigt er Wähler wenn er kritische Fragen bekommt, er zeigt sich dünnhäutig und das ist eine Eigenschaft die ihm gegen Trump teuer zu stehen kommen wird. Warren hatte ein rießen Momentum, aber nachdem sie sich bei Medicare for All verzettelt hat nehmen ihre Umfragewerte wieder ab, ob sie sich davon erholt bleibt abzuwarten. Ein Buttigieg ist ausschließlich in Iowa und New Hampshire stark (dort aber sehr stark), hat aber keinerlei Erfahrung und die Berichte aus South Bend, wo er Bürgermeister war, sind alles andere als ein indikator dafür, dass er ein guter President wäre. Seine Umfragewerte bei Schwarzen und hispanics sind außerdem unterirdisch. Bloomberg hat Geld ohne Ende, aber die amerikanische Bevölkerung sieht es inzwischen sehr kritisch wie reiche Leute versuchen sich Einfluss zu erkaufen... bleibt nur noch ein gewisser Bernard Sanders!

    Ich weis ich komm vielleicht rüber wie ein Fan, aber das ist machbar! Obwohl die Bevölkerungsgruppen, die er vertritt idR in Umfragen unterrepräsentiert sind (arme Menschen und vor allem Wähler unter 35) schneidet er idR sehr gut ab und ist in Iowa und New Hampshire zweiter (Real Clear Politics Umfragedurchschnitt). Das ist respektabel und ich würde mich nciht wundern wenn er diese Staaten gewinnt und das Momentum mitnehmen kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass Obama 2008 meilenweit hinter Clinton war bevor er Iowa gewonne hat und damit zeigen konnte nicht nur ein hoffnungsloser anwärter zu sein, wodurch ihn die Wähler ernstgenommen haben und er neue Wähler in den anderen Staaten gewinnen konnte.

    Sry für den Roman... ich hoffe ihr fandet meine Interpretation der Situation lesenswert.

  2. Re: Über die Chancen linker Politiker in den USA

    Autor: narfomat 09.12.19 - 13:26

    lesenswert. danke.

  3. Re: Über die Chancen linker Politiker in den USA

    Autor: Muhaha 09.12.19 - 13:50

    Huegelstaedt schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------

    > Sry für den Roman... ich hoffe ihr fandet meine Interpretation der
    > Situation lesenswert.

    Ganz im Gegenteil. Keine Plattitüden, sondern Argumente, auf die man dann eingehen kann, um eine Diskussion zu führen :)

    Sanders hat diesmal wesentlich bessere Chancen die Primaries zu gewinnen als letztes Mal, da der DNC endlich damit aufgehört hat mit den gesetzten Delegierten eine Hinterzimmer-Politik zu betreiben, welche die Ergebnisse der Primaries in den Bundesstaaten konterkariert. Und ja, er hat vor drei Jahren in Umfragen stets besser als Trump abgeschnitten. Und ja, er könnte die US-Arbeiter erreichen, die vor drei Jahren ihre Hoffnungen in Trump gesetzt haben und die mittlerweile durchaus begriffen haben, dass sie verarscht wurden.

    Schau mer mal ... die Primaries werden auf jeden Fall spannend. Lustig wird dagegen der Wahlkampf Trumps sein, der mittlerweile wieder angefangen hat gegen HRC und Obama zu hetzen, weil er damit seine Fans schön aufputschen kann. Ist halt blöd, wenn man gegen die meisten Gegenkandidaten nichts an Schmutz hat und Biden erst noch die Primaries gewinnen muss, wo schon viele Vorab-Favoriten untergegangen sind

  4. Re: Über die Chancen linker Politiker in den USA

    Autor: Huegelstaedt 09.12.19 - 15:48

    Muhaha schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Huegelstaedt schrieb:
    > ---------------------------------------------------------------------------
    > -----
    >
    > > Sry für den Roman... ich hoffe ihr fandet meine Interpretation der
    > > Situation lesenswert.
    >
    > Ganz im Gegenteil. Keine Plattitüden, sondern Argumente, auf die man dann
    > eingehen kann, um eine Diskussion zu führen :)
    >
    > Sanders hat diesmal wesentlich bessere Chancen die Primaries zu gewinnen
    > als letztes Mal, da der DNC endlich damit aufgehört hat mit den gesetzten
    > Delegierten eine Hinterzimmer-Politik zu betreiben, welche die Ergebnisse
    > der Primaries in den Bundesstaaten konterkariert. Und ja, er hat vor drei
    > Jahren in Umfragen stets besser als Trump abgeschnitten. Und ja, er könnte
    > die US-Arbeiter erreichen, die vor drei Jahren ihre Hoffnungen in Trump
    > gesetzt haben und die mittlerweile durchaus begriffen haben, dass sie
    > verarscht wurden.
    >
    > Schau mer mal ... die Primaries werden auf jeden Fall spannend. Lustig wird
    > dagegen der Wahlkampf Trumps sein, der mittlerweile wieder angefangen hat
    > gegen HRC und Obama zu hetzen, weil er damit seine Fans schön aufputschen
    > kann. Ist halt blöd, wenn man gegen die meisten Gegenkandidaten nichts an
    > Schmutz hat und Biden erst noch die Primaries gewinnen muss, wo schon viele
    > Vorab-Favoriten untergegangen sind

    Erstmal danke für das einleitende Kompliment und natürlich auch ein Danke an narfomat.

    Was Trump betrifft hat er natürlich einen gewissen Bonus, da der amtierende Präsident nur sehr selten abgewählt wird. Aber Trump hat 2016 unter anderem gesagt er würde den Affordable Care Act (Obamacare) abschaffen und ein neues, nicht näher beschriebenes, System einführen. Das könnte ihn teuer zu stehen kommen. Er hatte das Haus, den Senat und hat's trotzdem nicht zustande gebracht. Letztlich ist Trump ein Phänomen, er hat einen extrem starken Kern an Wählern, der einfach zu ihm hält, was auch immer passiert. Das hat man ja schon in den Midterms gesehen. 2014 hatten waren die Stimmen bei der Wahl des House of Representatives folgendermasen verteilt ~35 Mio Demokraten, ~40 Mio Republikaner. 2018 hatten wir dann einen gewaltigen Anstieg bei den Demokraten (~60 Mio), aber eben auch einen nicht zu vernachlässigenden Anstieg bei den Republikanern (~50 Mio). Trump kann nach wie vor Wähler mobilisieren, auch wenn die jüngsten Gouverneurswahlen nahelegen, dass das vielleicht inzwischen nachgelassen haben könnte, teile ich diesen Optimismus nicht, da die jeweiligen Kandidaten der GOP nicht sonderlich beliebt waren. Wenn es die Demokraten nicht schaffen Wähler in kritischen Staaten zu mobilisieren könnte das ganz schnell eine Disasterwahl für sie werden. Trump wird wie schon 2016 nicht mit Inhalten punkten, sondern mit Angriffen unter der Gürtellinie. Ich denke da liegst du richtig.
    Die demokraten haben sich nur leider selbst eins Bein geschossen. Das Amtsenthebungsverfahren ist das taktisch dümmste was sie hätten machen können. Sanders und Warren werden Wochenlang in Washington festsitzen, möglicherweise bis in den Februar hinein (Anfang Februar ist schon der Iowa Caucus). Senate Majority Leader Mitch McConnell wird den Demokraten nicht den Gefallen tun und das ganze schnell abhandeln, sondern das ganze hinauszögern bis zum geht nicht mehr. Die Medien werden sich in dieser Zeit vmtl voll und ganz darauf konzentrieren anstatt die Präsidentschaftsanwärter vernünftig zu durchleuchten, was einem schwachen Kandidaten mit "Leichen im Keller" (Buttigieg, Biden) zum Sieg verhelfen könnte, während Sanders und Warren keinen Wahlkampf betreiben können. Solang jetzt nichts extrem schockierendes zutage kommt wird es auch keine Mehrheit geben, denn dafür bräuchte man 67 Senatoren, und man hat nur 47 demokraten im Senat. Trump wird das ganze wie einen Sieg feiern und die Demokraten stehen am ende da wie Idioten.

    Was die Superdelegates betrifft halte ich das aus zwei Gründen für wichtig. Erstens, da die Medien während der Wahl nicht mehr so tun können als ob die bereits sicher in der Tasche eines Kandidaten sind, obwohl sie erst auf dem Parteitag ihre Stimme abgeben. Zum anderen ist es ein symbolisches Zeichen an diejenigen, die die Partei reformieren wollen. Betrachtet man nur die Wahlen an sich, dann ist die Bedeutung vernachlässigbar, 2008 hätte Clinton mehr delegierte als Obama gehabt, aber die Delegierten haben sich nicht getraut für jemanden zu stimmen, der die Primaries eigentlich verloren hat. Ich möchte aber auch noch anführen, dass es immer noch Superdelegates gibt, die wählen aber nur mit, wenn im ersten Wahlgang kein Kandidat über 50 % kommt und sind auch zahlenmäßig nicht mehr so dominant wie 2016.

    Aber nochmal zu den Primaries: Ich sehe Sanders Chancen als gut an, aber man sollte sich nichts vormachen... es ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen einen Wahlkampf zu führen, der in so vielen Punkten gegen das was in Washington so alles Konsens ist vorgeht. Als es vor einigen Monaten die ersten Präsidentschaftsanwärter angefangen hatten ihr Interesse zu bekunden und es die ersten Umfragen gab, war ich verwundert, dass Sanders so schlecht abschneidet - selbst wenn ich miteinkalkuliere, dass Sanders Basis in den Umfragen unterrepräsentiert ist. 2016 hatte sich das Feld sehr früh ausgedünnt und die Primaries hatten sich zu einem zweikampf entwickelt, dadurch war Sanders ein gewisses Medieninteresse (wenn auch meistens negativ) sicher. Außerdem war Clinton extrem unbeliebt.

    Dieses Mal haben wir eine Situation in der über Buttigieg einen geradezu - verzeiht mir bitte die Ausdrucksweise - arschkriecherischen Artikel nach dem anderen geschrieben wird und Biden die unglaublichsten Dinge sagen kann ohne sich vor den Medien rechtfertigen zu müssen. Bei einem so breiten Feld ist es leicht einen Kandidaten unter den Tisch fallen zu lassen. Was mich hoffnungsvoll stimmt ist allerdings, dass das was bei Buttigieg im Augenblick passiert vor einigen Monaten bei Kamala Harris (Senator aus Californien) ebenfalls probiert wurde und sie zwischenzeitlich sogar als die Favoritin gehandelt wurde, und das obwohl sie Meilenweit hinter Biden in den Umfragen war (letzte Woche hat sie ihre Kandidatur zurückgezogen). Diese kleine Episode aus den Primaries lässt aber ebenso wie der späte Einstieg von Bloomberg und Patrick auf eine gewisse Verunsicherung innerhalb der etablierten Kräfte in der demokratischen Partei und den Medien schließen. Sie sehen wie angreifbar Biden ist und versuchen daher mit aller Kraft jemanden zu pushen, dem sie bessere Chancen gegen Trump zuschreiben (O'Rourke, Harris, Buttigieg, zwischenzeitlich sogar Klobuchar, was aber nicht gut funktionierte).

    Trotz der starken nationalen Werte gerät Biden immer mehr in Gefahr in Iowa und New Hampshire unter die 15 % Hürde zu fallen, wodurch er keine Delegierten bekommen würde (https://www.realclearpolitics.com/epolls/2020/president/ia/iowa_democratic_presidential_caucus-6731.html). Passiert das, ist seine Kampagne zum scheitern verurteilt, da kann er in South Carolina im Augenblick noch so solide dastehen, zumindest einige Wähler werden sich dann umorientieren und das Kartenhaus fällt in sich zusammen. Wer von sich behauptet er wäre "most electable" kann es sich einfach nicht leisten in Iowa zu verlieren.



    2 mal bearbeitet, zuletzt am 09.12.19 16:02 durch Huegelstaedt.

  5. Re: Über die Chancen linker Politiker in den USA

    Autor: Muhaha 09.12.19 - 17:40

    Huegelstaedt schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Letztlich ist Trump ein Phänomen, er hat einen extrem
    > starken Kern an Wählern, der einfach zu ihm hält, was auch immer passiert.

    Keine Frage, aber der reicht nicht aus, um Wahlen zu gewinnen.

    > 2018 hatten wir dann einen gewaltigen
    > Anstieg bei den Demokraten (~60 Mio), aber eben auch einen nicht zu
    > vernachlässigenden Anstieg bei den Republikanern (~50 Mio).

    Trump motiviert die demokratischen Wähler eben besser als die eigene Mannschaft :)

    Nein, jetzt ernsthaft, gerade die letzten Kongresswahlen lassen vermuten, dass Trump es diesmal weitaus schwerer haben wird die kritische Menge an Wahlmännern zu bekommen.

    > Die demokraten haben sich nur leider selbst eins Bein geschossen.

    Das sehe ich anders. Das ist IMHO nur Wahlkampf, um die eigene Gefolgschaft zu motivieren und unabhängige Wähler zu gewinnen. Man schaue sich nur an, mit was für einem enorm schwachen Kandidaten es die Republikaner 2000 geschafft haben Al Gore als jung-dynamischen, visionären Kandidaten zu besiegen. Weil eben GENUG Wähler wegen den Lügen Clintons die Schnauze voll hatten. Nur darum geht es. Um das Zünglein an der Waage. Die entscheidenden Prozentpünkten in den entscheidenden Staaten.

    > Das
    > Amtsenthebungsverfahren ist das taktisch dümmste was sie hätten machen
    > können. Sanders und Warren werden Wochenlang in Washington festsitzen,
    > möglicherweise bis in den Februar hinein (Anfang Februar ist schon der Iowa
    > Caucus). Senate Majority Leader Mitch McConnell wird den Demokraten nicht
    > den Gefallen tun und das ganze schnell abhandeln, sondern das ganze
    > hinauszögern bis zum geht nicht mehr. Die Medien werden sich in dieser Zeit
    > vmtl voll und ganz darauf konzentrieren anstatt die
    > Präsidentschaftsanwärter vernünftig zu durchleuchten, was einem schwachen
    > Kandidaten mit "Leichen im Keller" (Buttigieg, Biden) zum Sieg verhelfen
    > könnte, während Sanders und Warren keinen Wahlkampf betreiben können.

    Möglich, aber eine der grundlegenden Eigenschaften der Primaries ist es, bei beiden Parteien, dass hier ganz schnell unvorhergesehene Eigendynamiken entstehen können, die im Gegensatz zu dem Medienbild stehen, welches um manche Kandidaten aufgebaut wird. Zu hoffen, man könne darüber die Primaries beeinflussen, ist IMHO WUnschdenken.

    > Solang jetzt nichts extrem schockierendes zutage kommt wird es auch keine
    > Mehrheit geben, denn dafür bräuchte man 67 Senatoren, und man hat nur 47
    > demokraten im Senat. Trump wird das ganze wie einen Sieg feiern und die
    > Demokraten stehen am ende da wie Idioten.

    Nope. Die Demokraten wussten, dass der Senat nicht wankt. Niemand hat dort ernsthaft mit einer erfolgreichen Amtsenthebung gerechnet. Hier geht es nur darum die eigenen Wähler zu motivieren und genug unentschiedenen Wähler zu zeigen, wer unbedingt abgewählt werden muss. Ist ja nicht so, dass die Republikaner irgendwelche Gegenargumente haben. Auch die demokratischen Senatoren konnten 1999 nur die Augen und Ohren zuhalten und "ihrem" Präsidenten die Stange halten. Und bei Clinton ging es nur um eine Frauengeschichte und nicht um erwiesene Bestechung und Korruption.

    > Ich möchte aber auch noch anführen, dass es immer noch Superdelegates gibt,
    > die wählen aber nur mit, wenn im ersten Wahlgang kein Kandidat über 50 %
    > kommt und sind auch zahlenmäßig nicht mehr so dominant wie 2016.

    Richtig, sie existieren noch, aber ihr Einfluss wurde stark reduziert.

    > Aber nochmal zu den Primaries: Ich sehe Sanders Chancen als gut an, aber
    > man sollte sich nichts vormachen... es ist und bleibt ein schwieriges
    > Unterfangen einen Wahlkampf zu führen, der in so vielen Punkten gegen das
    > was in Washington so alles Konsens ist vorgeht.

    Richtig. Deswegen wird es spannend sein zu verfolgen, ob sich jemand deutlich durchsetzen kann oder ob es auf dem finalen Parteitag eine Kampfabstimmung gibt. Gibt ja genug Beispiele aus der Geschichte, wo Parteitage der GOP oder der Demokraten in heillosem Chaos versunken sind, weil man sich nicht einigen konnte. Zwar nicht mehr seit dem 2. Weltkrieg, aber möglich wäre es.

    > Dieses Mal haben wir eine Situation in der über Buttigieg einen geradezu -
    > verzeiht mir bitte die Ausdrucksweise - arschkriecherischen Artikel nach
    > dem anderen geschrieben wird und Biden die unglaublichsten Dinge sagen kann
    > ohne sich vor den Medien rechtfertigen zu müssen.

    Richtig. Und das alles hat, wie die Geschichte der Primaries bei beiden Parteien zeigt, NICHTS zu bedeuten. Es wird zwar alles möglich an Manipulation auch durch die Medien versucht, aber interessanterweise zeigen sich die registrierten Wähler beider Parteien davon herzlichst unbeeindruckt.

    > Diese kleine Episode aus den Primaries lässt aber ebenso wie der späte
    > Einstieg von Bloomberg und Patrick auf eine gewisse Verunsicherung
    > innerhalb der etablierten Kräfte in der demokratischen Partei und den
    > Medien schließen. Sie sehen wie angreifbar Biden ist und versuchen daher
    > mit aller Kraft jemanden zu pushen, dem sie bessere Chancen gegen Trump
    > zuschreiben (O'Rourke, Harris, Buttigieg, zwischenzeitlich sogar Klobuchar,
    > was aber nicht gut funktionierte).

    Jupp, Biden IST beschädigt, auch wenn hinter der Geschichte aller Wahrscheinlichkeit nach nichts steckt.

    > Trotz der starken nationalen Werte gerät Biden immer mehr in Gefahr in Iowa
    > und New Hampshire unter die 15 % Hürde zu fallen, wodurch er keine
    > Delegierten bekommen würde (www.realclearpolitics.com Passiert das, ist
    > seine Kampagne zum scheitern verurteilt, da kann er in South Carolina im
    > Augenblick noch so solide dastehen, zumindest einige Wähler werden sich
    > dann umorientieren und das Kartenhaus fällt in sich zusammen. Wer von sich
    > behauptet er wäre "most electable" kann es sich einfach nicht leisten in
    > Iowa zu verlieren.

    Schau mer mal ... wie gesagt, ich würde eher Warren bevorzugen, aber gerade die vielen Erstwähler, die noch vor zwei Jahren gegen die Waffenlobby protestiert haben, könnten hier ein gewisses Momentum für Sanders auslösen, weil sie einen klaren, deutlichen Wandel und nicht More-of-the-same wollen. Und die könnten auch das nötige Zünglein an der Waage sein, um bestimmte Bundesstaaten ins Blaue kippen zu lassen.

    Wie auch immer, ich bin froh nicht in einem Land zu leben, wo knapp 40% der Bevölkerung so einem asozialen, inkompetenten Ignoranten wie Trump die Stange hält ... nicht, dass ich vor Begeisterung Luftsprünge mache, wenn ich mich hierzulande umschaue, aber das da ... jesses!

  6. Re: Über die Chancen linker Politiker in den USA

    Autor: Huegelstaedt 09.12.19 - 18:18

    @Muhaha

    Also ich gehe auch davon aus, dass die impeachment proceedings eher wahlkampftaktischer Natur sind, aber ich zweifel ob das funktioniert. In den nationalen Umfragen diesbezüglich sieht das ganze bisher relativ gut aus. Aber die Frage ist eben wie das auf Staatenebene aussieht. Was nützen einem die z.B. 75 % Zustimmung in Californien wenn man damit in Ohio die Wähler vergrault. Ich meine dazu eine Umfrage in den strategisch wichtigen Staaten im mittleren Westen (Indiana, Ohio, Pennsylvania, Michigan...) gesehen zu haben wo die zustimmung zum Amtsenthebungsverfahren nicht sonderlich gut waren, kann das aber grad durch googeln nicht finden. Aber letztlich sind das alles Momentaufnahmen, ob das ganze geholfen hat oder nicht wird man erst absehen können wenn es vorbei ist. Trump wird auf jeden Fall alles tun um das ganze als persönlichen Sieg zu verkaufen.

    Du sagst ja das ganze Medientheater würde sich nicht so sehr auf die eigentliche Wahl auswirken, da bin ich mir unsicher. Sonderlich erfolgreich waren die Versuche bestimmte Kandidaten zu pushen nicht, das stimmt zuversichtlich (zumindest nicht dauerhaft). Trotzdem schadet der Medienblackout Sanders Kandidatur. Ich könnte auch mit Warren sehr gut leben. Wobei ich mir bei Sanders 100 %ig sicher bin, dass er himmel und erde in bewegung setzen würde um seine Ziele zu erreichen. Bei Warren sehe ich die Gefahr, dass es letztlich genauso wird wie die Obama Jahre, gar nicht erst richtig kämpfen und schon mit dem Kompromis zum Verhandlungstisch kommen. Und wir sehen ja wohin uns das geführt hat. Sanders hat den Vorteil, dass er Trump's Basis angreift, also die leute mit geringen Einkommen für sich gewinnen könnte. Warren wird eher als Elitär wargenommen und wird stark von Leuten aus der (oberen) Mittelschicht unterstützt und hat sich bei Medicare for all total verzettelt weil sie auf Teufel komm raus vermeiden wollte einfach zu sagen die Steuern werden erhöht. Für mich ist Sanders einfach jemand, der nicht taktiert und geraderaus sagt was er für nötig hält. Außerdem hat Warren es bisher meist vermieden sich außenpolitisch klar zu positionieren...

    Im Grunde hast du recht in dem Punkt, dass die ganzen strategischen Überlegungen recht schnell durch die Realität über den Haufen geworfen werden könnten. Macht aber trotzdem Spaß das ganze mal zu durchdenken. ;)

    Edit: Als ich gesagt habe Biden ist angeschlagen meinte ich das nicht in Bezug auf die Ukraine. Ich meinte eher wie er in der Öffentlichkeit auftritt, welche Positionen er vertritt etc.



    1 mal bearbeitet, zuletzt am 09.12.19 18:21 durch Huegelstaedt.

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