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Das Märchen vom Fachkräftemangel

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  1. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Brian Kernighan 14.01.22 - 16:36

    Teeklee schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Es ist eher ein Mangel an Unternehmen, die verstehen, was Fachkräfte
    > wollen. Unternehmen, die dies Verstehen haben auch keine Probleme ihre
    > Positionen zu füllen.

    Kann ich nicht bestätigen. Ich hab durchaus schon ein einigen sehr attraktiven Unternehmen gearbeitet, die dennoch Schwierigkeiten hatten, ihre Positionen mit guten Leuten zu besetzen. Weniger als andere vielleicht, aber der Mangel ist dennoch spürbar. Geht da allerdings um echte Fachkräfte und nicht um Tagschläfer und Klickibunti-"Experten".

  2. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Teeklee 14.01.22 - 16:42

    Sybok schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Ein Mangel kann nur da bestehen, wo auch Nachfrage besteht. Die Nachfrage
    > nach Türöffnern ist hier so etwa gleich Null, die Nachfrage nach ITlern
    > ganz sicher nicht. ;-)

    Nein die Nachfrage ist da, aber es ist nur dann wirtschaftlich, wenn man einen extrem geringen Gehalt (20-30 Cent in der Stunde) zahlen kann. Ich Wette mit dir, wenn es hier Arbeiter gäbe, die für 20-30 Cent in der Stunde arbeiten würden, dann würden an vielen Orten plötzlich überall solche Leute eingestellt, die dir die Tür öffnen.

    Dies war auch nur eine Anspielung darauf, dass wenn es nicht wirtschaftlich ist gute Löhne zu zahlen, dass man es lieber lassen oder automatisieren soll, statt nach mehr billigen Arbeitskräften zu schreien.

    Trockenobst schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Wenn man am Krankenhaus in Rostock einen SAP Spezialisten sucht und fair
    > zahlt, dann muss man eben den finden den Rostock leben will. Es gibt
    > lokalisierten Fachkräftemangel. Bei den Ärzten und Handwerkern ist das in
    > der Pampa genauso.

    Wieso braucht man da jemanden, der in Rostock wohnt, kann das nicht jemand Remote machen? Vielleicht ist derjenige nur an einzelnen wenigen Tagen (auf Kosten der Firma) anwesend?
    Dies wäre zum Beispiel ein Benefit, dass die Suche nach Spezialisten deutlich erleichtern würde. Wenn Remote nicht möglich ist, dann muss halt eben zusätzlich für die suboptimale Location entschädigt werden in Form von extra Gehalt, das jemand bereit ist dafür umzuziehen.



    1 mal bearbeitet, zuletzt am 14.01.22 16:56 durch Teeklee.

  3. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: gentux 14.01.22 - 17:03

    Sybok schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Ein Mangel kann nur da bestehen, wo auch Nachfrage besteht.

    Aber die Frage dann wieder, ob die Arbeitgeber sich nicht in diesem Punkt komplett verkalkuliert haben. Da hat man sich vollprogrammierbare Maschinen angeschafft, die Arbeit abnehmen und die Leistung günstiger machen aber hat dann vergessen einzuplanen, dass man einen sehr "kostbaren Rohstoff" nämlich das Personal, welches diese Maschine warten und in sicherem Zustand halten kann nicht berücksichtigt hat.

    Schon oft habe ich mir von potenziellen Kunden anhören müssen: "Ach das ist uns zu teuer, der Sohn des Nachbarn studiert in die Richtung und macht das sicher für viel weinger...", da habe ich dann auch kein Mitleid wenn der dann in zwei Jahren bei Facebook arbeitet und gerade den Log4Shell-Patch nicht für dieses, in seinen Augen Hobbyprojekt, einspielen kann.

  4. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Datalog 14.01.22 - 17:27

    Kleba schrieb:
    > Aber gute Leute haben ja meist schon einen super Job, mit den Benefits
    > die sie sich wünschen. Die bekommt man nicht so einfach.

    Nach meiner Erfahrung ist das ein sehr wichtiger Punkt. Wer als Unternehmen z. B. einen erfahrenen Software-Entwickler sucht, findet nur sehr schwer welche. Einmal weil es gar nicht so viele gibt. Deren Zahl wuchs über die Jahre zwar an, aber das heißt dann auch, dass Leute, die vor 10 Jahren angefangen haben, viel weniger sind als Leute, die vor einem Jahr gestartet sind.

    Und von den wenigen erfahrenen Entwicklern kommen dann drei Gruppen bis zum Vorstellungsgespräch:

    1. Leute, die den AG wechseln wollen. Da muss man genau schauen, warum. Sind das Karrieristen, die von AG zu AG springen, immer auf der Suche nach mehr Gehalt? Oder waren sie unzufrieden? Dann ist die Frage warum das so ist. Ideal wäre, wenn sie aus inhaltlichen Gründen in die neue Firma wollen. Aber das passiert nur sehr selten.

    2. Leute, die den Ort wechseln wollen (heutzutage kaum noch ein Grund)

    3. Leute, die den AG wechseln müssen.

    Tja.

    > Natürlich wird bei uns auch ausgebildet. Aber a) dauert es natürlich b)
    > kann man nicht unbegrenzt ausbilden und c) gehen ja auch Leute bisweilen
    > nach der Ausbildung woanders hin, einfach um auch noch andere Unternehmen
    > kennen zu lernen.

    Dennoch ist die Ausbildung sehr oft der einzige Weg, um an gute Leute zu kommen. Die von dir genannten Hindernisse bleiben natürlich. Da kann man nur versuchen, stetig ein besseres Angebot aufrecht zu erhalten. Das lohnt sich, weil wie oben beschrieben ähnlich erfahrende Leute fast nicht zu finden sind.

  5. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: knabba 14.01.22 - 18:17

    Teeklee schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Es ist eher ein Mangel an Unternehmen, die verstehen, was Fachkräfte
    > wollen. Unternehmen, die dies Verstehen haben auch keine Probleme ihre
    > Positionen zu füllen.
    >
    > Aber klar, wenn man nichts Zahlen will, und auch keine anderen Benefits
    > anbieten kann/will, dann wird es schon einen Mangel an Fachkräften geben,
    > die das Mitmachen wollen.
    Es gibt schon einen Mangel aber eben auch für schlechte Bezahlung.

  6. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: BlueBird12 14.01.22 - 19:19

    Datalog schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > 2. Leute, die den Ort wechseln wollen (heutzutage kaum noch ein Grund)

    Warum sollte das kein Grund sein? Ich denke sogar das das eines der Hauptgründe für einen Jobwechsel ist.

    Wer Anfang 20 ist mag das noch anders sehen (und das hab ich in dem Alter auch), aber wenn man dann Mitte 30 wird, die Eltern auf die 70 zu gehen (und anfangen gebrechlich zu werden), etc. dann ändert sich die Sichtweise. Warum irgendwo arbeiten, wo man keine Wurzeln hat, wo man quasi immer ein Fremder ist, wo die Leute anders "ticken"... für was? Dafür das man dann im Rentenalter mehr Geld über hat? Leute ihr werdet nicht alle 90! Die mittlere(!) Lebenserwartung für Männer beträgt 78 Jahre (und die ist nur prognostiziert, das muss sich bei dem heutigen Bewegungsmangel erstmal bewahrheiten). Das wiederum heißt aber nicht das man auch 78 wird. Der einer wird 92, ein anderer stirbt mit 68. Aber natürlich nimmt jeder an die erste Person zu sein.
    Klar wenn man es tatsächlich geschafft hat seinen Lebensmittelpunkt neu aufzubauen und dort sesshaft zu werden, dann mag man solche Gedanken nicht haben.

  7. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Oktavian 14.01.22 - 19:41

    > Warum sollte das kein Grund sein? Ich denke sogar das das eines der
    > Hauptgründe für einen Jobwechsel ist.

    Ich nehme es genau anders herum wahr. Die meisten Kollegen, die nicht hier in der Region geboren sind, sind umgezogen, weil sie ein attraktives Jobangebot hatten. Okay, das passte dann gut zu einer latent vorhandenen Bereitschaft zum Ortswechsel, aber führend war das Angebot.

    > Wer Anfang 20 ist mag das noch anders sehen (und das hab ich in dem Alter
    > auch), aber wenn man dann Mitte 30 wird,
    [...]
    > Klar wenn man es tatsächlich geschafft hat seinen Lebensmittelpunkt neu
    > aufzubauen und dort sesshaft zu werden, dann mag man solche Gedanken nicht
    > haben.

    Okay, wenn man es in 15 bis 20 Jahren nicht geschafft hat, sich einen neuen Lebensmittelpunkt zu schaffen, dann läuft da grundlegend etwas falsch. Mir war ja klar, viele ITler sind Sozialphobiker, aber ist es wirklich so schlimm?

    Ich habe auch so einen Fernumzug hinter mir. Ich vermisse meine alte Heimat immer noch etwas, klar, die Stadt war schön. Aber wenn ich mal da bin, merke ich immer, das ist nicht mehr Zuhause. Schon nach 5 Jahren war das kein Thema mehr. Das Haus war gebaut und eingerichtet, die Kinder waren geboren und gingen in den Kindergarten, die Große stand kurz vor der Einschulung, wir hatten eine Fülle von Freizeitaktivitäten, Freunden und ein gutes soziales Netz.

  8. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: BlueBird12 14.01.22 - 20:11

    Oktavian schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Okay, wenn man es in 15 bis 20 Jahren nicht geschafft hat, sich einen neuen
    > Lebensmittelpunkt zu schaffen, dann läuft da grundlegend etwas falsch. Mir
    > war ja klar, viele ITler sind Sozialphobiker, aber ist es wirklich so
    > schlimm?

    Ich hab ich bisher viele Kollegen eben aus diesem Grund gehen sehen.
    Da waren auch schon Kollegen mit Ehepartner und Kindern dabei die nach 10 Jahren wieder in die Heimat zurück sind. Da sind auch Kollegen dabei die aus ihrer Wohnung 2km neben dem Unternehmen nach ein paar Jahren wieder in die Heimatstadt in 80km zurückgezogen sind und seitdem jeden Tag pendeln.
    Aber natürlich gibt es auch diejenigen die hier in der "neuen" Stadt sesshaft werden.

  9. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Dino13 15.01.22 - 10:13

    bauschaummafiosi schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Bei 60-70k steigen bei uns BSc. Informatiker ein…

    In was für einem Job?

  10. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Wasserflasche 15.01.22 - 16:58

    Mein Tipp: wenn es nicht übertrieben ist, dann Konzern in Pharma/Automobil

    Es mag Ausnahmen geben, aber das sind dann die 1,0 BSc Absolventen von einer bekannt guten Hochschule/Uni die schon seit sie 14 sind coden und mehr github-Repos haben als die meisten hier.
    Der Durchschnitt ist es aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, oder nur in Firmen die zu viel Geld haben.

  11. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: malguckn 15.01.22 - 19:38

    Datalog schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------

    > 1. Leute, die den AG wechseln wollen. Da muss man genau schauen, warum.
    > Sind das Karrieristen, die von AG zu AG springen, immer auf der Suche nach
    > mehr Gehalt? Oder waren sie unzufrieden? Dann ist die Frage warum das so
    > ist. Ideal wäre, wenn sie aus inhaltlichen Gründen in die neue Firma
    > wollen. Aber das passiert nur sehr selten.

    Als erfahrener ITler mit 23 Jahren Erfahrung, will ich eben marktgerecht bezahlt werden, alles andere bringt sowieso nichts, weil ich mich dann ungerecht behandelt fühle und daraufhin irgendwann kündige.

    Davon abgesehen behandeln einen die Chefs auch nicht besser, wenn man sich beim Gehalt hat drücken lassen, wie andere, die mehr bekommen.

    Im übrigen sind in meiner Branche (IT-Consulting) die Unternehmen austauschbar, also sind für mich die Rahmenbedingungen entscheidend und die inhaltlichen Themen liegen sowieso im Projekt begründet, da hat der AG nur bedingt Einfluss.

  12. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: GilBates 15.01.22 - 20:11

    Dino13 schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > ubuntu_user schrieb:
    > ---------------------------------------------------------------------------
    > -----
    > > Dino13 schrieb:
    > >
    > ---------------------------------------------------------------------------
    >
    > > -----
    > > > Wir haben in unserem Team ein großes Problem, weil sich die Arbeit bei
    > > uns
    > > > nicht so spannend anhört und wir kein hippes Unternehmen sind. Es wird
    > > echt
    > > > gut gezahlt,
    > >
    > > wieviel? :D
    >
    > 60k - 70k kann bei uns ein BSc Software Entwickler ohne Probleme verdienen
    > bei entsprechender Erfahrung.

    also Anfänger?

  13. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Maddam 15.01.22 - 23:02

    BlueBird12 schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Datalog schrieb:
    > [...] Dafür das man dann im
    > Rentenalter mehr Geld über hat? Leute ihr werdet nicht alle 90! Die
    > mittlere(!) Lebenserwartung für Männer beträgt 78 Jahre (und die ist nur
    > prognostiziert, das muss sich bei dem heutigen Bewegungsmangel erstmal
    > bewahrheiten). Das wiederum heißt aber nicht das man auch 78 wird. Der
    > einer wird 92, ein anderer stirbt mit 68. Aber natürlich nimmt jeder an die
    > erste Person zu sein.

    Achtung! Das ist die Lebenserwartung bei Geburt, das wird durch Babys/Kleinkinder die sterben deutlich heruntergezogen. Ein heute 20 jähriger hat eine Lebenserwartung von ca. 90 Jahren, eine 20 jährige eher von 95, weil die nicht als Kleinkind gestorben sind.

  14. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: jonasz 15.01.22 - 23:03

    Teeklee schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    > Es ist eher ein Mangel an Unternehmen, die verstehen, was Fachkräfte
    > wollen. Unternehmen, die dies Verstehen haben auch keine Probleme ihre
    > Positionen zu füllen.
    >
    > Aber klar, wenn man nichts Zahlen will, und auch keine anderen Benefits
    > anbieten kann/will, dann wird es schon einen Mangel an Fachkräften geben,
    > die das Mitmachen wollen.

    Der Fachkräftemangel ist in der Tat eine Lüge auf der Branche umgebrochen und sicherlich in den Nischen temporär. Erstmals vereint die Informatik eine große Grundbasis an Studierende. Heute denkt sich keiner: "Elektronik, Mechatronik ist extrem cool". Elektronik und Mechatronik sind rückläufig, zumindest stark in meiner Gegend, in Lienz wird der Campus sogar geschlossen, da sich nicht genug Studenten finden lassen, im Land Tirol gibt es nur mehr Mechatronik und Elektronik an der Hauptstaatsuniversität für 800.000 Einwohner Einzugsgebiet und eine private, wo man ziemlich viel Geld haben muss. Jeder der früher Mechatronik, Elektronik studieren gegangen wäre, der studiert nun Informatik, ich kenne selbst Leute die Mathematik studiert haben und letztendlich als Programmierer nun arbeiten. Den größten Zufluss hat die Informatik und nennenswert viele in Rente gehen noch nicht und diejenigen kann man mit einem halben "Informatiker" ersetzen. In der Schicht der Programmierer und Informatiker (Generalisten) die 40-60 derzeitig sind, habe ich die Schlimmsten erlebt, die haben eben sich in den ruhigen Zeiten 1990-2010 in der Branche zu Low-Performer entwickelt. Im Sinne Java-Programmierer blieb es für die ganze Karriere, keine Dynamik und keinen Willen etwas Neues zu lernen, die würden heute noch am liebsten mit Java SE6 arbeiten und Windows Server 2003.

    Informatik ist selbst der Automatisierung am meisten ausgesetzt, es wird also definitiv weniger Leute in der Zukunft brauchen, um denselben Output zu schaffen, entsprechend muss die Nachfrage exponentiell zur Automatisierung und Zuwachs an Fachpersonen wachsen.

  15. Re: Das Märchen vom Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Trollversteher 17.01.22 - 08:34

    Das ist genau der richtige Weg - und bei meinem letzten Arbeitgeber stammten in der Tat einige der talentiertesten Entwickler ursprünglich aus so einem Werksstudenten Programm.

  16. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: bauschaummafiosi 17.01.22 - 10:18

    > Mein Tipp: wenn es nicht übertrieben ist, dann Konzern in Pharma/Automobil

    Das ist ein Bingo (Automobil).

  17. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: herding_cats 24.01.22 - 13:38

    Letztlich ist es nicht nur ein Fachkräftemangel auf Seiten der Bewerber. Zusätzlich hat man es damit zu tun dass die Firmen und Organisationen nicht wirklich verstehen was sie da tun. Man verwaltet bzw. managed etwas ohne tieferes Verständnis dafür was Softwareentwicklung und Betrieb der Infrastruktur tatsächlich bedeutet.

    Der Fachkräftemangel auf Seiten der Bewerber ist klar. IT gibt es seit ca. 70 Jahren. Seit dieser Zeit ist der durschnittliche ITler immer jünger geworden und hatte immer weniger Berufserfahrung. Dafür ist aber die Zahl der ITler deutlich angestiegen. Siehe einfach mal die Vorträge von "Uncle Bob" (Robert C. Martin).
    Die Curricula der Universitäten, Hochschulen, Fachhochschulen können einzelne Grundlagen vermitteln, aber bringen einem das "Handwerk" nicht wirklich bei. Es ist oft so als würde man nur das Vokabular einer Fremdsprache pauken. Dieses würde dann auch regelmäßig abgefragt und dafür bekommt man seinen Abschluss. Tatsächlich hat man aber nie gelernt wie man die Fremdsprache spricht und anwendet.
    Wie soll man die Fremdsprache auch lernen wenn andere auch nur jeweils das Vokabular kennen aber die Sprache nicht können?
    Ausbildung hin oder her, am Ende muss man weiter lernen. Die ersten Jahre Berufserfahrung sind manchmal ernüchternd. Manchmal kann man wirklich etwas lernen wenn der ein oder andere Kollege Ahnung hat und sein Wissen vermittelt. Oft sieht man wie man Dinge nicht machen sollte. Es gibt tatsächlich auch in 2022 noch Leute, die ohne Quellcodeverwaltung programmieren. Selbst heute noch wird insgesamt zu wenig getestet was man als Entwickler oder Admin so macht. Einige merken nicht einmal was sie schlecht machen. Entwickler machen sich zu wenig Gedanken darüber dass andere Leute oder sie selbst zu einem späteren Zeitpunkt den Code lesen müssen.
    Viele Grundlagen und Ideen wurden seit den Anfängen vor 70 formuliert. Die Tatsache dass immer mehr ITler trotz der Ausbildung, riesige Kenntnislücken aufweisen, spiegelt sich darin wieder wie regelmäßig alte Ideen immer wieder neu "erfunden" werden. Zum Lernen ist das wiederholte "Erfinden des Rades" nicht schlecht, führt aber dazu dass die Software trotzdem so schrottig ist, wie sie oftmals ist und dass es zig ähnliche Programmiersprachen, Skriptsprachen, Frameworks, Bibliotheken, etc. gibt.

    Ein weiterer Teil des Problems sind die Firmen und Organisationen selbst. Einerseits wollten sie mehr ITler. Das haben sie auch bekommen. Viele, immer jüngere und unerfahrene ITler. Wie trennt man jetzt die Spreuch vom Weizen? Formal haben die meisten eine abgeschlossene Ausbildung. Tatsächlich hat aber jede Firma oder Organisation einen historisch gewachsenen Zoo an eingekaufter Software und Eigenentwicklungen und einen Wildwuchs an Hardware (siehe Zeitpunkt des Kaufs). Meistens wird das Thema Einarbeitung stiefmütterlich behandelt. Wäre es anders würde man bemerken welche Dokumentationslücken bestehen. Damit die Leute schneller einsetzbar werden, zerteilt man einfach die Arbeit. Jeder hat dann seinen kleinen Arbeitsbereich (Administration Infrastrukturkomponte, Enwicklung, Test, etc.). Je größer die Firma/ Orgaisation, desto feinteiliger kann man das machen. Jeder macht dann seine Arbeit ohne Rücksicht auf das Gesamtsystem. Wenn dann noch irgendwelche Prozesse und Standards dazukommen - meistens verfasst und definiert von Leuten, die noch weiter entfernt sind von der jeweils konkreten Tätigkeit - wird das Chaos perfekt. Organisiertes Chaos. Man beschäftigt die Menschen mit Dingen, die nicht wirklich nötig wären, aber der Organisation geschuldet sind. Man macht nicht das was sinnvollerweise zu tun wäre, sondern macht Dinge um die Organisation und deren Prozesse/ Standards zufrieden zu stellen. Prozesse und Standards sind nicht grundsätzlich falsch. Oft steckt dahinter eine gute Idee. Wie bei allem ist aber die konkrete Umsetzung fraglich. Insbesondere ist schlimm wenn es Jahre dauert schlechte Prozesse abzuschaffen/ zu verbessern und das Ergnis noch schlechtere Prozesse sind.
    Statt Fehler in einer Software zu beheben, werden Fehler in einer Datenbank verwaltet bis zum Sankt Nimmerleinstag. Statt die Software zu testen, muss schon das nächste Feature umgesetzt werden. Statt eine Dokumentation der Software und Infrastruktur zu schreiben und zu pflegen, werden irgendwelche Formalismen dokumentiert. Etc. Man hat am Ende viel Output, aber ziemlich wenig und qualitativ schlechten Outcome. Das schlimmste daran ist dass die Firma oder Organisation nicht einmal merkt was schlecht läuft.
    Man schaue sich mal an lange die Lebensdauer von Software ist. Bei Computerspielen sind wir jetzt schon bei teilweise 30 bis 40 Jahren (und länger). Einige Spiele sind recht gut gealtert und machen auch heute noch Spass. I.d.R. sind Quellcode und entwicklungsbegleitende Dokumente verloren. -> Lösung: Emulator
    Bei Individualsoftware sind wir auch schon bei 10-20 Jahren und länger. Hier muss man dann zwischen Front-End und Back-End unterscheiden. Die Zyklen beim Front-End sind oft kürzer, wobei die Datenstrukturen sich wieder am Back-End orientieren. Quellcode ist meistens noch vorhanden. Was die Dokumentation angeht, ist nur ein Bruchteil nützlich und trotzdem ist vieles was relevant ist, undokumentiert. Auf jeden Fall kann man davon ausgehen dass eine Software nach wenigen Jahren (mindestens 5, spätestens 10 Jahren) "kaputt-gefeatured" ist, d.h. der Aufwand die Software zu ändern bleibt nicht konstant, sondern steigt. Weil ein Großteil des KnowHows in den Köpfen der Beteiligten ist, geht mit der Zeit KnowHow verloren wenn Mitarbeiter gehen/ gegangen werden. -> Lösung: Software neu Programmieren (mit organisatorischem Vorlauf von mindestens 2-4 Jahren) oder Einkaufen (falls überhaupt verfügbar, dann die Zeit für Customizing vernünftig einplanen)

    Ein ITler ist nicht in erster Linie ein Admin für eine spezielle Software. Ein ITler ist auch in erster Linie kein C Programmierer, Java Programmierer, JavaScript Programmierer, etc. Ein ITler bildet die Fachlichkeit in die technische Welt ab. Die Technik ist Mittel zum Zweck, deshalb ist der ITler dann auch Übersetzer für die Fachseite, sprich den Anwender. D.h. man muss das Gesamtsystem kennen und sich auch mit den technischen Details beschäftigen.

    Aufgrund der Arbeitsteilung in großen Firmen/ Organisationen hat man leider viel zu wenig Leute mit dem Gesamtverständniss und zu viele mit Scheuklappen, die austauschbar sind. Das macht es dann auch insgesamt wieder schwerer die Leute on-the-job fit zu machen. Paradoxerweise zahlen die großen Firmen mehr als als kleine Firmen, wo die Arbeitsteilung weniger ausgeprägt ist.

    Es ist und bleibt schwierig. Der Gesamtsituation bleibt geschuldet dass regelmäßig alle Fehler, die bisher gemacht wurden, mit schöner Regelmäßigkeit wiederholt werden. Man muss keine 40 Jahre Berufserfahrung haben, um da zu sehen. Man muss nur mal eine Hand voll Projekte erlebt haben, auch über die erste Umsetzungsphase hinweg.

    An der Stelle habe ich auch wenige Tips für die neuen ITler bzw. ITler, die wieder durch den "Bewerbungsmarathon" müssen. Manchmal muss man einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um einen gut bezahlten Job zu bekommen oder an interessanten Projekten mitarbeiten zu können. Man kann viel Geld bekommen für einen Job, bei dem der eigene Martkwert gegen 0 sinkt...

    Man kann Firmen bzw. Organisationen nicht grundsätzlich ändern. Leider ist man gezwungen mit den Füßen abzustimmen.

    Bisher hatte ich noch keinen Job, wo ich das Gefühl hatte :"Jetzt habe ich ein All Star Dream Team um mich".

    Flache Hierarchiern heißt i.d.R. informelle Hierarchien. Hier ist es besser wenn transparent ist, wer welche Rolle hat.

    Ich glaub das ist ein langer Rant geworden.

  18. Re: Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Autor: Hawk321 25.01.22 - 08:53

    herding_cats schrieb:
    --------------------------------------------------------------------------------
    >
    > Ich glaub das ist ein langer Rant geworden.

    Du hast aber RECHT und sehr gut zusammengefasst .
    +1

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