Die mühsame Ankunft des Zauberkästchens
Autor: Marcus Hammerschmitt 30.03.06 - 20:46
Kann man Origami knicken?
Nachdem Microsoft im Vorlauf zur letzten CeBIT seine neue ultramobile Plattform "Origami" mit ungewöhnlichem Aufwand in die Medien gedrückt hat, fragt sich jetzt, was nach der Erstpräsentation des Wunderdings noch übrig bleibt.
Eigentlich hätte ja alles so schön sein können. Im Vorlauf der diesjährigen CeBIT verdichteten sich die Gerüchte, Microsoft werde demnächst im Hardware-Geschäft mitmischen, und zwar in einem sehr speziellen Marktsegment, nämlich dem der ultraportablen Tablet-PCs.
Kurz darauf tauchte ein Konzeptvideo auf das angeblich unbeabsichtigt von einer Werbefirma ins Netz hinausgeblasen worden war. Darin war ein Gerät zu sehen, das, abgesehen von seiner Hässlichkeit, viele hätte begeistern können, denen PDAs zu klein und Laptops zu groß sind. Gleichzeitig eröffnete eine Website, die geheimnistuerisch für Anfang März weltbewegende Dinge versprach. Überall war plötzlich zu hören: "Was Tragbarkeit, Connectivity und Vielseitigkeit angeht, sollen Maßstäbe gesetzt werden". Die Welt, so versuchten einige eifrige Pressevertreter zumindest zu suggerieren, hielt den Atem an.
Die erste Ernüchterung kam mit der Präsentation der UMPC-Platform durch Intel zwei Tage vor der geplanten Feier des Origami. "UMPC", das muss man erklären, bedeutet Ultramobile Personal Computer und ist für die wichtigsten Hardwarepartnern Microsofts das, was Microsoft selber Origami nennt.
Wohl wahr, die gezeigten Gerätemuster boten Schnittstellen im Überfluss, alles lief so weit rund, aber weil statt der erforderten teuren mobilen Komponenten Standardbausteine verbaut worden waren, hielten sie teilweise mit einer Batterieladung nur 15 Minuten (!) durch. Aber auch mit optimierter Technik versprach der UMPC-Standard für die erste Ausbaustufe nur eine Batterielaufzeit von 2-3 Stunden, was angesichts der Möglichkeiten von modernen Laptops schon fast erbärmlich zu nennen ist. Viel war die Rede von der Bereicherung durch ein Gerät dieser Art für den "digital lifestyle", wenig von der Frage, wie man die drängendsten technischen Fragen angegangen hatte. So zum Beispiel die Anpassung der in Frage kommenden Desktopbetriebssysteme an den ultraportablen Betrieb, die Bootproblematik usw.
Bei der Origami-Präsentation am 9. März ein ähnliches Spiel: Wortreich wurde die Plattform als das Ei des Kolumbus gepriesen, die desaströsen Batterielaufzeiten gerieten aus dem Blickfeld, wie natürlich alle anderen kritischen Punkte auch. Konkrete Aussagen zu den Preisen und der Verfügbarkeit für den Massenmarkt gab es nicht. Vor dem 9. März hatte die Pressestelle von Microsoft Deutschland angeblich überhaupt keine Informationen über die Plattform, noch eine Woche später war die Auskunftsfreudigkeit zu dem angeblichen Wunderding höchst mäßig. Zitat: "Derzeit liegen uns leider noch keine Informationen zu der Möglichkeit einer Teststellung von Ultra-Mobile PCs vor."
Das hinderte bestimmte Presservertreter natürlich nicht, in Jubelarien auszubrechen und so zu tun, als sei nun endlich eine neue, glückliche Ära der Computernutzung angebrochen. Der Spott der jungen, metropolitanen Kreativnomaden, also der Leute, die die UMPCs eigentlich kaufen sollen, ließ allerdings nicht lange auf sich warten.. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Origami/UMPC eben nicht der erste Versuch ist, ultraportable Tablets zu schaffen. Mit Recht wiesen verschiedene Blogger darauf hin, dass das Apple Newton MP 2100, obwohl seit 1998 nicht mehr im Handel, heute noch eine sehr brauchbare Tablet-Maschine für den ultraportablen Einsatz ist und mit traumhaften Batteriestandzeiten, einer extrem flexiblen und leicht handhabbaren OS-Architektur, hervorragender Handschrifterkennung und echter Instant-On-Fähigkeit aufwarten kann.
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Viele Grüße,
M. Hammerschmitt
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